Die Geschichte der Frauenrevolution Rojavas wird von Frauen gemacht – und geschrieben

Von Kerem Schamberger

Endlich ist sie da: eine detaillierte Beschreibung der Frauenrevolution Rojavas. Wer sich damit beschäftigen will, wie eine der größten feministischen Bewegungen weltweit Befreiung nicht nur theoretisch konzipiert, sondern praktisch realisiert, muss dieses Buch lesen.

Seine Stärke liegt vor allem in den Stimmen der Akteurinnen vor Ort, die der Motor der Revolution sind. Mehr als 150 Interviews führte eine Delegation der feministischen Kampagne „Gemeinsam kämpfen“, die sich über mehrere Monate in Rojava aufhielt. In Zusammenarbeit mit dem Andrea Wolf Institut und zahlreichen freiwilligen ÜbersetzerInnen konnte diese grundlegende Schrift über Theorie und Praxis der kurdischen Frauenbewegung erscheinen. Es ist die Fortsetzung des Buches „Widerstand und gelebte Utopien“, das 2012 im Mezopotamien Verlag erschien (der mittlerweile verboten ist). Während der erste Band sich vor fast zehn Jahren noch auf Nordkurdistan und die Türkei konzentrierte, liegt der Fokus von „Wir wissen was wir wollen“ auf Rojava. Es ist auch ein Zeichen dafür, wie sich der Schwerpunkt der Revolution in den letzten Jahren vom Norden in den Südwesten Kurdistans verlagerte, weil die Repression des türkischen Staates massiv zugenommen hat.

Zwischen Theorie, Praxis und Erfahrungen

Mit dem Buch wird endgültig klar, dass es sich bei der gesellschaftlichen Umgestaltung der nord- und ostsyrischen Gesellschaft vor allem um eine Revolution der Frau handelt, die neben Fragen der Demokratie und Ökologie im Mittelpunkt steht und gleichzeitig mit ihnen verschränkt ist. Die Lektüre ermöglicht ein tiefes Eintauchen in die Gedankenwelt der kurdischen Freiheitsbewegung. Zeitweise hat man das Gefühl, als Teil der Delegation vor Ort in Rojava zu sein.

Zugegeben, die mehr als 550 Seiten des Buches können zu Beginn erschlagend wirken. Doch ist man erstmal eingestiegen, üben die Schilderungen der Frauen von ihrer Praxis der Emanzipation einen Sog aus, dem man nur schwer entkommt. Hinzu kommt, dass die Übersetzungen flüssig sind, die Struktur des Buches logisch und stringent ist und man es so auch immer wieder weglegen kann, um über das Gelesene nachzudenken. Zahlreiche Bilder der interviewten Frauen und von Aktionen der feministischen Bewegung lockern den Lesefluss auf.

Die Gespräche sind nicht in voller Länge abgedruckt, sondern es werden jeweils zu den inhaltlichen Schwerpunkten passende längere Interviewpassagen wiedergegeben, die vom Autorinnenkollektiv aufwendig zugeordnet wurden. Die Struktur des Buches stellt eine Mischung aus Theorie, Praxis und Lehren aus den Erfahrungen in Rojava dar. Zu Beginn wird auf die historische Entwicklung der Rolle von Frauen innerhalb der kurdischen Freiheitsbewegung eingegangen und die theoretischen Grundlagen des kurdischen Feminismus geschildert. Dabei geht es auch um den theoretischen Anspruch, die eigene Männlichkeit zu „töten“ („Kuştina zilam“), also die „Überwindung patriarchaler Dominanz in den Persönlichkeiten aller Menschen“ (S. 101). In einem weiteren Teil wird darauf eingegangen, dass sich der Feminismus in Rojava nicht mehr nur als Bewegung, sondern als ganzheitliches System versteht, das sich in der gesamten Gesellschaft verankert hat.

Die Schilderungen dieser Verankerung machen das Herzstück des Buches aus. Sie zeigen, dass die Frauenrevolution dort „kein Hirngespinst, sondern gesellschaftliche Realität“ (S. 497) ist. Die Interviews verleihen dem Buch eine hohe Legitimität, weil die Gedanken und Motivationen von kämpfenden Frauen (und noch dazu aus dem globalen Süden) viel zu selten aufgeschrieben werden. Es geht dem HerausgeberInnenkollektiv – alles selber Frauen*, die in Europa in feministischen Strukturen aktiv sind – darum, die Geschichte der Frauenrevolution Rojavas von unten aufzuschreiben. Und zwar gemeinsam mit den Frauen, die im Buch vorkommen.

Liebe in Zeiten des Demokratischen Konföderalismus

Schon an der schieren Zahl von Aktivistinnen, mit denen die Delegation gesprochen hat, wird deutlich, wie sich diese Revolution der Frau in alle gesellschaftlichen Teilbereiche erstreckt. Frauen aus den zahlreichen Genossenschaften, den politischen Rätestrukturen, der Ökologiebewegung, der Wissenschaft (Stichwort: Jineologie), dem Kunst- und Kulturbereich, der Diplomatie und – besonders wichtig – der Verteidigung kommen zu Wort.

Die Interviews mit älteren Frauen, Müttern und Grossmüttern aus den HPC Jin, den „Gesellschaftlichen Frauenverteidigungskräften“, die mit der Waffe in der Hand für Sicherheit in den einzelnen Kommunen sorgen, gehen unter die Haut: „Wir haben in der Revolution als Frauen bis zu einem gewissen Grad alle Rechte erkämpft, aber Gleichheit gibt es noch nicht. Dieser Kampf ist noch nicht vollendet.“ (S. 310) Die Bewaffnung und Ausbildung von „einfachen“ Menschen aus dem Volk ist zugleich Ausdruck des radikaldemokratischen Anspruchs der Revolution und eine Lehre aus vergangenen Versuchen der gesellschaftlichen Emanzipation (etwa in Chile 1973).

Zugleich wird auch auf die Selbstorganisierung arabischer, christlicher, ezidischer und alevitischer Frauen in Rojava eingegangen. Ihre Erfahrungen wurden von den Autorinnen vermutlich bewusst an den Anfang des Interviewkapitels gestellt, um deutlich zu machen, dass es sich hier um eine Revolution für alle in der Region lebenden Frauen handelt. Dass die kurdische Frauenbewegung den Anspruch hat, den Austausch mit FeministInnen nicht nur im ganzen Nahen Osten, sondern weltweit zu führen, wird am Ende des Buches deutlich. Dort wird ein Vorschlag für einen Demokratischen Weltfrauenkonföderalismus zur Diskussion gestellt.

Einzig auf mögliche queere Strukturen und andere Geschlechterverständnisse ausserhalb der binären Frau-Mann-Logik wird in den Interviews eher weniger eingegangen, auch wenn einige Gesprächspartnerinnen darauf verweisen. Dass diese Fragen auch in Kurdistan diskutiert werden und von Relevanz sind, zeigt etwa die Beteiligung von kurdischen LGBTIQ-Gruppierungen in den Strukturen der HDP in der Türkei und Nordkurdistan.

Das Buch hilft, einen eurozentristisch geprägten Blick auf die kurdische Frauenbewegung zu überwinden, ohne nötige Debatten abzuwiegeln. Viele Diskussionen werden aufgegriffen und manche Antworten auf Fragen geliefert, die einem bei der Beschäftigung mit der Freiheitsbewegung im Kopf umherschwirren können: Warum ist mit Abdullah Öcalan ein Mann so zentral für kurdische FeministInnen? Wie hält es die Bewegung mit Liebe, Sex und romantischen Beziehungen? Warum wird der Begriff der Nation weiterhin verwendet? Eine Stärke des Buches liegt auch darin, dass Probleme angesprochen werden, etwa die (nicht nur anfängliche) Weigerung vieler männlicher Genossen, sich wirklich mit der Situation der Frau in der kurdischen Gesellschaft, aber auch in den eigenen Reihen, zu beschäftigen.

Bewegend sind auch zahlreiche Kurzporträts von Frauen und Internationalistinnen der Freiheitsbewegung, darunter Hêlîn Qereçox (Anna Campbell, UK), Lêgerîn Çiya (Alina Sánchez, Argentinien) oder Sara Dorşîn (Almuth Sarah Handelmann, Deutschland), die im Kampf für die Befreiung in Kurdistan gestorben sind. Gewidmet ist das Buch Şehîd Stêrk (Ellen Jaedicke), die ich auch kennenlernen durfte und deren viel zu früher Krebstod im Jahr 2016 bis heute schmerzt.

Zwischen den Interviewzeilen findet man auch viele Zahlen und Fakten über die Rojava-Revolution, die bisher nicht bekannt waren. Etwa, dass es bereits etwa 100 Wirtschaftskooperativen gibt, die alleine von Frauen betrieben werden und mehr als 7.000 Frauen in allen Bereichen der Frauenökonomie tätig sind.

Kämpfe verbinden

Insbesondere das letzte Kapitel „Kämpfe verbinden“ sollte diskutiert werden, weil dort die Delegation ihre Schlussfolgerungen aus der Beschäftigung mit der kurdischen Frauenbewegung zieht. Es wird festgehalten, dass derzeit der revolutionäre Impuls nicht aus den kapitalistischen Metropolen kommt und deshalb „die Führung und Initiative von feministischen Bewegungen aus dem globalen Süden“ (S. 494) wertgeschätzt und anerkannt werden sollte. Vorschnelle Bewertungen, etwa die Diskussion um die Rolle Öcalans, werden als Teil einer eurozentristischen Perspektive gesehen, die es abzulegen gelte. In Europa gehe es um ein aktives Verlernen dessen, „was uns der Kapitalismus beibringt“ (S. 498), vielmehr müsse Kollektivität gelebt und Verantwortung füreinander übernommen werden, um überhaupt Widerstand gegen die Vereinzelung des Systems leisten zu können.

In feministischen und generell linken Zusammenhängen müsse es viel mehr Raum für soziale Beziehungen und den „Aufbau von Zusammengehörigkeit“ geben, ohne sich jedoch nur auf „Oasen wie etwa Hausprojekte“ zu beschränken (ebd.). Fazit: Wer eine der größten Frauenbewegungen der Welt kennenlernen will – und dies derzeit nicht vor Ort kann, etwa weil Corona-Pandemie und Krieg dies erschweren – sollte sich dieses Buch holen.

 

Zum Buch: Herausgeber_innenkollektiv (Hrsg.): Wir wissen, was wir wollen. Frauenrevolution in Nord-und Ostsyrien. Widerstand und gelebte Utopien Band II. Edition Assemblage, Münster 2021. 560 Seiten. ca. 21.00 SFr. ISBN 978-3-96042-100-9