50 Jahre BAföG: Von der Möglichkeit von Chancengleichheit für Arbeiterkinder zur Überschuldungsfalle im Bildungsbereich

Als am 1. September 1971 das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) in Kraft trat, konnte man noch von einer Reform sprechen, die auch ihren Namen verdiente. Eingebettet in das Konzept eines einheitlichen, durchlässigen und öffentlichen Bildungswesens von der Vorschule über die Gesamtschule bis zur Gesamthochschule, das den Arbeiterkindern ermöglichen sollte, mit den Kindern aus den traditionellen Bildungsschichten auf Augenhöhe konkurrieren zu können. Erst das BAföG konnte in den 1970er Jahren den Kindern die Gelegenheit bieten, einen Bildungsweg einzuschlagen, der in einem Studium münden konnte und den Arbeiterfamilien die reale Chance bot, in die Mittelschicht aufzusteigen. Die jungen Menschen hatten das Gefühl, in eine Gesellschaft hineinzuwachsen, die an ihnen interessiert ist und sie als Vollmitglied integrieren will.

Das BAföG gab es als Vollzuschuss, es musste nichts zurückgezahlt werden. Individuell bedürftigen Studierenden wurde ein garantierter Rechtsanspruch auf Förderung zugesprochen, damit war diese Förderung einklagbar. Das neue Gesetz wurde als „Meilenstein für Chancengleichheit in der Bildung“ gefeiert.

Vom Vollzuschuss zum Volldarlehen

Die Erfolgsstory des BAföGs war anfangs recht rasant. Das BAföG half auch mit, die Ende der 1960er Jahre durch den Sputnikschock (Start des ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik 1, am 4. Oktober 1957) ausgelöste Bildungslücke zu schließen und führte zu einer umfassenden Reformierung des deutschen Bildungssystems. Doch das ging nicht lange gut.

Während es bis Mitte der 1970er Jahre noch Erweiterungen der Förderungsvoraussetzungen und strukturelle Verbesserungen gab, wurde dann der Kreis der Anspruchsberechtigten und die Ausgestaltung der Leistung immer wieder verändert. So ging man bei der Förderung von Studierenden von der Vollförderung auf eine Mischförderung durch Zuschuss und Grunddarlehen über und für Schüler, insbesondere an allgemeinbildenden Schulen, wurde die Leistung von einengenden Voraussetzungen abhängig gemacht.

Im Jahr 1998 erreichte das BAföG seinen Tiefpunkt, es war nur noch für 13 Prozent der Studierenden eine (Teil-)Finanzierungsquelle.

Die Umstellung auf Volldarlehensförderung (1983 bis 1990) bedeutete damals bei durchschnittlich 10 Semestern Studienzeit bis zu 70.000 DM BAföG-Schulden für die mit dem Höchstsatz geförderten Studierenden. Rund zwei Drittel aller Absolventen beenden das Studium mit Schulden.

Seit 2010 sinkt die Zahl der Geförderten kontinuierlich.

Auch 2019 hat sich nach der letzten BAföG-Reform kaum etwas verbessert. Zwar ist der Höchstsatz von 735 Euro auf 850 Euro angestiegen und die Freibeträge wurden erhöht, doch ob damit mehr junge Menschen als bisher in Schule und Studium BAföG erhalten können, ist fraglich, auch weil die Reform die konkrete Lebenssituation der Studierenden nicht mehr widerspiegelt.  So hat, wer über 30 Jahre alt ist, vom Grundsatz her keinen Leistungsanspruch. Dasselbe gilt für diejenigen, die ein Teilzeit- oder Zweitstudium absolvieren, über die Regelstudienzeit hinaus studieren oder nach einem Studienabbruch das Studienfach wechseln.

Nicht einmal 50 Prozent der Studierenden machen heute ihren Abschluss im Rahmen der zeitlichen Vorgaben, gut ein Drittel schmeißt das Erststudium vorzeitig hin und die Zahl derer, die aus familiären oder beruflichen Gründen nicht in Vollzeit studieren können oder wollen, erhöht sich ständig.

Der aktuelle BAföG-Höchstsatz für Studierende lag im Wintersemester 2020/21 bei 861 Euro, doch können laut dem Studentenwohnreport 2020 sich die Studierenden in 27 Städten die Musterwohnung auch mit dem maximalen Wohnungszuschlag von 325 Euro im Monat nicht leisten. Die Steigerung der Mietpreise in den Universitätsstädten frisst jede BAföG -Steigerung auf und lässt die Studierenden in die Schuldenfalle laufen.

Für die Studierenden war die sporadische Anpassung in der Vergangenheit noch nie  ausreichend, eine wirklich nachhaltige Entwicklung des BAföG-Betrages kann nur eine regelmäßige Anpassung bringen.

Rückzahlung der Schulden braucht länger

Die Rückzahlung der Schulden beim Staat braucht mehr Zeit als ursprünglich gedacht war. Rund zwei Drittel aller Studierenden beendet das Studium mit Schulden, nur 37 Prozent werden schuldenfrei ins Berufsleben einsteigen. Jeder zweite Verschuldete behauptete, dass die Rückzahlung ihm manchmal Sorgen macht (50 Prozent). 44 Prozent versuchten, regelmäßig Geld zur Seite zu legen, um die Studienschulden schneller abbezahlen zu können.

Lediglich 14 Prozent der Studierenden mit Schulden gaben an, das Geld in dem ersten Jahr nach ihrem Abschluss zurückzahlen zu können. Im Schnitt rechneten die Studierenden mit einer Tilgungsdauer von über vier Jahren, doch fast jeder Vierte (23 Prozent) ging von sechs Jahren und mehr aus. Am Ende des Studiums haben sich durchschnittlich 8.510 Euro an Schulden angehäuft. Bei Medizinern sind es sogar 16.667 Euro Schulden nach dem Studium. Am schwersten haben es die Geisteswissenschaftler. Diese haben nach den Medizinern den zweitgrößten Schuldenberg (9.918 Euro) und haben mit einem Einstiegsgehalt von 1.479 Euro die geringsten Erwartungen an ihr erstes Einkommen.

Katastrophale finanzielle Situation während des Studiums

Die Schulden am Ende des Studiums belasten die Studierenden von heute nicht so stark wie die oftmals katastrophale finanzielle Situation während des Studiums. Studienfinanzierung ist mittlerweile zu einer echten Herausforderung geworden, die nicht jeder leisten kann.

Untersuchungen, wie z.B. die Befragung von Deals.com zeigten, dass die Studierenden auf mehrere Geldquellen angewiesen sind. Die meisten finanzieren sich über ihre Eltern und einen Nebenjob (jeweils 61 Prozent). Jeder Dritte erhält Unterstützung durch BAföG (31 Prozent) und jeder Vierte greift auf eigene Ersparnisse zurück (24 Prozent). Fünf Prozent nehmen einen Kredit auf, um sich ihr Studium leisten zu können. Nach dem Abschluss stehen dann bei zwei Dritteln der Studierenden Schulden an.

Eltern sind nach wie vor die Topfinanzierer

Die Eltern sind die Topfinanzierer der Studierenden. Wenn diese selbst materiell schlecht dastehen, stehen die Kinder vor dem Aus. Lediglich 16 Prozent der Studierenden finanzieren ihr Studium ganz alleine über Nebenjobs und eigenes Vermögen. Die meisten greifen auf Stipendien, BAföG und vor allem die elterliche Hilfe zurück. Mehr als zwei  Drittel der Befragten (69 Prozent) waren davon überzeugt, dass ihr Studium ohne die Unterstützung der Eltern gar nicht möglich gewesen wäre. Viele hätten sich aber sogar noch mehr Unterstützung während des Studiums durch ihre Eltern gewünscht: Ein Drittel der Befragten (35 Prozent) gab an, ihre Kinder – sollten diese studieren – bei ihrem Studium mehr unterstützen zu wollen, als es die eigenen Eltern getan haben.

Nebenjob

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Minijob-Zentrale zeigt auf, dass

  • fast drei Viertel der Studierenden mit Nebenjob einer bezahlten Tätigkeit nachgehen,
  • nahezu ein Drittel der Studierenden neben dem Studium als wissenschaftliche Hilfskraft oder als Doktorand arbeitet,
  • mehr als ein Viertel eine Bürotätigkeit ausübt,
  • 13 Prozent Nachhilfeunterricht geben,
  • zwölf Prozent im Einzelhandel jobben

und elf Prozent in der Gastronomie beschäftigt sind.

Vom Teufelskreis zur Schuldenspirale

Während des Studiums geraten junge Menschen schnell in einen Teufelskreis hinein, da sie

  • mehr Zeit für den Nebenjob aufbringen müssen, als für das Studium,
  • die geförderte Regelstudienzeit überschreiten müssen,
  • Schulden haben, die durch Nebentätigkeiten und Nebeneinkünfte bei Finanzämtern und Krankenkassen entstanden sind,
  • durch Nebentätigkeiten (z.B. durch Vollzeitjobs in den Semesterferien oder selbständige Tätigkeiten während des Studiums) zu einem höheren Einkommen kommen und damit sich die Forderungssumme der Sozialversicherungsträger erhöhen bzw. Nachzahlungen erhoben werden,
  • die öffentlichen Verkehrsmittel nun nicht mehr kostenlos im Zusammenhang mit dem Semester- oder Azubi-Ticket nutzen können,
  • nach der Regelstudienzeit auch den Platz im Wohnheim verlieren,
  • nicht mehr eine öffentliche Förderung erhalten und sie Studienkredite bei Banken aufnehmen müssen,
  • bei den Kreditinstituten passgenaue Angebote erhalten, wie die revolvierenden Kredite mit Karte, von denen sie den gesamten Lebensunterhalt bestreiten, immer wieder aufstocken können und blitzschnell horrenden Schuldsummen auftürmen,
  • die Ausgaben für Semestergebühren und Bücher nicht mehr aufbringen können

und die Kosten für Wohnung, Nahrung und weiteren Unterhalt nicht gedeckt werden und sich dann mit schlechter Schufa auf dem Wohnungsmarkt um eine Unterkunft bemühen müssen.

Auch ein Wechsel des Studienfachs kann den finanziellen Abstieg bedeuten. Wenn dann noch zusätzlich die Unterstützung durch die Eltern versickert, sind die jungen Menschen ganz unten angekommen und haben erfahren müssen, dass sie zu den Überflüssigen dieser Gesellschaft gehören. Dieser Kreislauf prägt die konkrete Lebenssituation und macht die jungen Menschen körperlich und seelisch krank.

Ausbildungsförderung und aktuelle Krise

Das Dilemma der Ausbildungsförderung als verlässliches Einkommen wird auch aktuell in der Krise deutlich. Nach Auskunft des Bundesbildungsministeriums wurden von Mai bis September 2020 rund 30.800 Anträge auf einen KfW-Studienkredit in einer Gesamthöhe von 919,6 Millionen Euro gestellt. Von Mai bis September 2019 waren es, Angaben einer KfW-Sprecherin zufolge, lediglich 8.500 Anträge mit einem Gesamtvolumen von 315 Millionen Euro.

Die Ver- und Überschuldung der Studierenden wird sich damit noch rasanter entwickeln.

Dazu beitragen wird auch die vom Bundesbildungsministerium zunächst von Mai 2020 bis März 2021 aufgelegte Darlehensform der „Nothilfe für Studierende“. Das Programm umfasst eine Darlehensunterstützung bis zu 650 Euro monatlich, begrenzt auf maximal 14 Semester. In so einem Fall wird sich die Endsumme auf 54.600 Euro belaufen, zwar zinsfrei gestellt, sie muss aber als Gesamtforderung zurückgezahlt werden.

Kein Grund zum Feiern

Um das ganze Dilemma noch einigermaßen in den Griff zu bekommen sind keine Selbstbeweihräucherungen zum 50-jährigen Bestehen des BAföGs angebracht, sondern es ist sofort ein qualifiziertes Finanzberatungsangebot zu Beginn des Studiums einzurichten. Auch sollte schnellstens die finanzielle Unterstützung während des Studiums kräftig angehoben, als Vollzuschuss angeboten und alle staatlichen Angebote wie BAföG, KfW-Studienkredit, Abschlussdarlehen des Bundesverwaltungsamts, Deutschlandstipendium und andere Stipendien gebündelt werden und es entsprechend nur eine Stelle als Ansprechpartner für die Studierenden geben.

 

Wie lauteten die Forderungen noch vor einigen Jahren: Freier Zugang zu allen Bildungsangeboten für alle jungen Menschen, von der Kinderkrippe bis zur Hochschule, inklusive ein kostenloses, tägliches und gutes Mittagessen.

 

 

 

 

Quellen: deals.com, Studierendenwerk Dortmund, Studentenwohnreport 2020, WAZ, Bundesbildungsministeriums, FORSA, KfW

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