Sozialstaat in der Kriegsökonomie – Warum der Entwurf des Leitantrag zum DGB-Bundeskongress die strukturelle Entwicklung verkennt und keine Antwort auf die historischen Herausforderungen und Anforderungen gewerkschaftlicher Gegenmacht gibt

Von Andreas Buderus

Vom 10. bis zum 13. Mai 2026 tagt in Berlin der 23. Ordentliche Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) unter dem Motto „Stärker mit uns: Gute Arbeit, starke Wirtschaft, soziale Sicherheit“. Mit dem seit ca. drei Wochen vorliegenden Entwurf des Leitantrags „Stark in Arbeit“ legt der DGB-Bundesvorstand ein 161 Seiten umfassendes programmatisches Dokument vor, das sich in vier Kapitel gliedert: Kapitel A „Sozialstaat, Verteilung, Bildung“, Kapitel B „Arbeitswelt, Tarifbindung, Mitbestimmung, Arbeitsmarkt“, Kapitel C „Standort, Europa, internationale Beziehungen“ sowie Kapitel D „Demokratie, Vielfalt, Schutz vor Big Tech“.

Neben den Themen, die behandelt werden, ist vor allem auch bemerkenswert, wie das geschieht – und welche Themen weitgehend fehlen. Während Sozialstaat, staatliche Handlungsfähigkeit, Arbeitsmarktpolitik und Demokratiefragen breiten Raum einnehmen, bleiben zentrale Strukturfragen der gegenwärtigen Entwicklung unterbelichtet: die Herausbildung einer Kriegsökonomie, die materielle Konkurrenz zwischen Aufrüstung und sozial-ökologischer Transformation, die Militarisierung gesellschaftlicher Verhältnisse sowie die Rolle von Kapital, Staat und internationalen Machtverschiebungen in dieser Entwicklung. Themen wie Wehrpflicht und Zwangsdienste, die Aufhebung von Zivilklauseln, die strategische Bedeutung internationaler Gewerkschaftszusammenarbeit oder die Rolle von Arbeitskämpfen in einer eskalierenden globalen Situation tauchen kaum oder gar nicht auf.

Der Leitantragsentwurf beschreibt damit eine Vielzahl realer Problemlagen, ordnet sie jedoch nicht als Ausdruck einer gemeinsamen historischen Dynamik ein und bleibt zugleich bei der Bestimmung gewerkschaftlicher Handlungsmöglichkeiten auffallend unkonkret.

Der folgende Text unternimmt vor diesem Hintergrund den Versuch einer strukturierten historisch-kritischen gewerkschaftspolitischen Einordnung – mit dem Ziel, die notwendige breite innergewerkschaftliche Debatte über Analyse, Strategie und Handlungsperspektiven in einer sich zuspitzenden historischen Situation zu eröffnen. Möge sie auf dem Kongress im Mai geführt werden!

Der Entwurf des Leitantrags zum DGB-Bundeskongress 2026 formuliert zentrale und in vieler Hinsicht zutreffende politische Zielsetzungen. Er benennt soziale Ungleichheit, demokratische Gefährdungen, ökologische Krisen und internationale Konflikte als zentrale Herausforderungen der Gegenwart und hält fest: „Das Wichtigste ist allerdings, heute mehr denn je, der Frieden, die Beendigung und Verhinderung von Kriegen […]“ (Kapitel C3, S. 126) . Ebenso wird die Bedeutung eines starken Sozialstaates hervorgehoben (Kapitel A, S. 1 ff.) .

Diese Aussagen sind richtig – und ihrer ahistorischen Allgemeinheit zugleich unzureichend. Ihr Problem liegt nicht im normativen Anspruch, sondern in der fehlenden historischen und strukturellen Einordnung. Die im Antrag genannten Krisen erscheinen als nebeneinanderstehende Phänomene: Krieg, Klimakrise, soziale Ungleichheit und demokratische Gefährdung werden benannt, aber nicht als Ausdruck einer gemeinsamen Entwicklung begriffen. Damit bleibt der Antrag analytisch fragmentiert: Er beschreibt Erscheinungen, ohne die Dynamik zu erfassen, die sie miteinander verbindet.

Gerade diese Dynamik ist jedoch entscheidend. Die gegenwärtige Situation ist nicht durch die Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen gekennzeichnet, sondern durch eine qualitative Verschiebung: die zunehmende Ausrichtung von Ökonomie, Staat und Gesellschaft auf militärische Konkurrenz und Kriegsfähigkeit. Diese Entwicklung ist materiell längst wirksam – in der massiven Ausweitung militärischer Ausgaben, im Umbau industrieller Kapazitäten und in der politischen Priorisierung von „Kriegstüchtigkeit“.[1]

Diese Verschiebung verweist auf eine tiefere Transformation: die Herausbildung einer ´politischen Ökonomie der Kriegsvorbereitung´.[2] Krieg ist nicht mehr Ausnahme, sondern strukturierendes Moment gesellschaftlicher Entwicklung. Das erschöpfte kapitalistische Akkumulationsregime stabilisiert sich zunehmend (ausschließlich) über Aufrüstung und Krieg.[3] Diese Perspektive fehlt im Leitantragsentwurf vollständig.

Damit entsteht ein struktureller Zielkonflikt, der im Entwurf nicht systematisch reflektiert wird. Die – nach den rechtlich zweifelhaften Grundgesetzänderungen im Frühjahr 2025 –  grundgesetzlich garantierte unbegrenzte und kreditfinanzierte Aufrüstung gerät in einen extremen Gegensatz zur Verteilung gesellschaftlichen Reichtums und sozialer Gerechtigkeit.

Dieser Gegensatz betrifft jedoch nicht nur soziale, sondern ebenso ökologische Ziele.
Die klimapolitischen Aussagen des Entwurfs bleiben daher unzureichend, weil sie die reale Konkurrenz um Ressourcen ausblendet. Während der Antrag Investitionen in Klima- und Umweltschutz fordert (Kapitel C, S. 125), werden diese Ressourcen faktisch in militärische Strukturen umgelenkt. Die sozial-ökologische Transformation wird damit nicht nur erschwert, sondern strukturell untergraben.

Der Leitantragsentwurf betont die Bedeutung von Klima- und Umweltschutz und fordert entsprechende Investitionen (Kapitel C, S. 125) . Was jedoch fehlt, ist die Einordnung dieser Zielsetzung in die realen Prioritätenverschiebungen.

Die aktuelle Entwicklung ist dadurch gekennzeichnet, dass Ressourcen – finanziell, industriell und politisch – zunehmend in militärische Bereiche umgelenkt werden. Diese fiskalische Umverteilung steht in direktem Widerspruch zu den Anforderungen einer sozial-ökologischen Transformation.

Die zunehmende ökologische und klimatische Zerstörung ist nicht Nebenfolge, sondern Ausdruck eines Systems, das seine eigenen materiellen Grundlagen untergräbt, während es gleichzeitig militärisch abgesichert wird . Vor diesem Hintergrund bleibt der Entwurf unzureichend, weil er nicht berücksichtigt, dass die notwendigen Ressourcen politisch bereits anders gebunden werden. Forderungen, die diese Konkurrenz nicht thematisieren, bleiben zwangsläufig wirkungslos.

Eine weitere zentrale Leerstelle betrifft die Militarisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Der Entwurfstext lehnt zwar „eine Militarisierung von Bildung und Wissenschaft“ ab (Kapitel D, S. 140) , bleibt jedoch auch hier auf einer punktuellen Kritik stehen. Die tatsächliche Entwicklung geht bereits deutlich weiter. Sie umfasst nicht nur einzelne Einflussnahmen, sondern eine umfassende Umstrukturierung gesellschaftlicher Bereiche.

Dazu gehören:

  • Aufhebung oder Aushöhlung von Zivilklauseln an Hochschulen
  • zunehmende Integration von Forschung in militärische Programme
  • faktische Wiedereinführung von Wehrpflicht und Zwangsdiensten
  • Ausrichtung von Infrastruktur, Bildung und Verwaltung auf sicherheitspolitische Anforderungen – Herstellung von ´Kriegstüchtigkeit´

Diese Entwicklungen markieren eine qualitative Veränderung: Gesellschaftliche Bereiche werden zunehmend unter ´sicherheitspolitischen´ Gesichtspunkten reorganisiert. Arbeit, Bildung und soziale Reproduktion werden in eine Logik eingebunden, die auf militärische Verfügbarkeit und Funktionalität ausgerichtet ist.

Der vorliegende Entwurf des Leitantrags greift diese Entwicklung nicht systematisch auf. Damit bleibt auch hier unklar, welche Konsequenzen sich daraus für gewerkschaftliches Handeln ergeben. Insbesondere fehlt eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich Gewerkschaften zu einer möglichen Ausweitung staatlicher Zugriffsmöglichkeiten auf Arbeitskraft – etwa in Form von Zwangsdiensten – positionieren und welche Strategien sie dem entgegensetzen.

Auch die im Entwurf in Kapitel D – ´D1: Nie wieder! Gewerkschaftliche Demokratiearbeit forcieren, Demokratieförderung und -bildung ausbauen, Menschenrechte verteidigen´ (S. 142–151) festgestellte ´Rechtsentwicklung´ bleibt analytisch unscharf und verkürzt, weil sie weitgehend isoliert betrachtet wird. Sie erscheint vor allem als politisch-ideologisches Problem, nicht als Ausdruck einer sich zuspitzenden gesellschaftlichen Krisendynamik.

Zwar benennt der Text soziale Verunsicherungen, Ungleichheit und wachsende Abstiegsängste. Er verknüpft diese jedoch nicht systematisch mit den zugrunde liegenden ökonomischen und politischen Entwicklungen – insbesondere nicht mit der zunehmenden Priorisierung militärischer Ausgaben, verschärften Verteilungskonflikten und den daraus resultierenden Belastungen für breite Teile der Bevölkerung.

Gerade dadurch bleibt unklar, warum rechte Kräfte unter diesen Bedingungen an Anschlussfähigkeit gewinnen können. Die fehlende Einordnung eröffnet den Raum dafür, dass soziale Konflikte in kulturkämpferische Bahnen verschoben und gegen Migrant*innen und andere Sündenböcke gerichtet werden können.

Indem die strukturelle Verbindung von sozialer Krise, ökonomischer Entwicklung und politischer Verschiebung nicht sichtbar gemacht wird, bleibt auch die Analyse der Rechtsentwicklung unvollständig.

Die beschriebenen analytischen Defizite wirken sich unmittelbar auf die strategische Ausrichtung des Leitantragsentwurfs aus. Seine zentrale Antwort auf die benannten Probleme besteht in der Stärkung (sozial-) staatlicher Handlungsfähigkeit. Damit werden die aktuellen Entwicklungen als „Herausforderungen der Gegenwart gefasst, die sich gleichsam von ´außen´ stellen und denen durch politische Steuerung und staatliche Intervention begegnet werden könne.

Diese Perspektive greift jedoch zu kurz. Sie verkennt, dass staatliches Handeln nicht neutral auf gesellschaftliche Probleme reagiert, sondern selbst Ausdruck konkreter politischer und ökonomischer Prioritätensetzungen ist. Der Staat ist eben nicht nur Adressat gewerkschaftlicher Forderungen, sondern zentraler Akteur jener Entwicklung, die durch Aufrüstung, veränderte Ressourcenallokation und geopolitische Interessen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen neu bestimmt.

Gerade deshalb bleibt die Erwartung, staatliche Politik könne die beschriebenen sozialen und ökologischen Ziele durch entsprechende Interventionen sichern, analytisch unterkomplex. Sie übersieht, dass die bestehenden politischen Prioritäten diesen Zielen strukturell entgegenstehen. Der Staat erscheint im Entwurf des Leitantrag damit einseitig als Lösung, obwohl er zugleich Träger der Problementwicklung und Kriseneskalationsdynamik ist.

Die Folge ist eine strategische Inkonsistenz:

  • Der Entwurfstext fordert politische Maßnahmen, deren Voraussetzungen durch dieselben Prozesse untergraben werden, die er nicht analysiert. Ohne eine Bestimmung dieser Widersprüche bleibt unklar, wie und mit welchen gewerkschaftlichen Mitteln die formulierten Ziele politisch durchgesetzt werden sollen.

Diese Problematik zeigt sich auch in der demokratiepolitischen Argumentation.
Der DGB positioniert sich gegen Angriffe „auf Menschenwürde, Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip“ (Kapitel D, S. 143) . Diese Position bleibt jedoch institutionell verkürzt, weil sie die materielle Grundlage der zunehmend reaktionären, antiaufklärerischen und repressiven Entwicklung nicht ausreichend berücksichtigt. Wenn soziale Spaltung fortlaufend zunimmt und fiskalische Spielräume scheinbar ´schrumpfen´, gesellschaftliche Ressourcen zugunsten volkswirtschaftlich suboptimaler Kriegsvorbereitung umverteilt werden und Konflikte um Klimagerechtigkeit, Frieden und gegen die zunehmende Faschisierung delegitimiert und kriminalisiert werden, verändert sich auch die Funktionsweise staatlicher Institutionen und formal demokratischer Prozesse.

Diese Transformation vollzieht sich nicht primär durch formalen Abbau, sondern durch schleichende Entleerung und Verschiebung realer politischer Handlungsspielräume und Entscheidungsstrukturen.

Eine gewerkschaftliche Strategie, die diesen Zusammenhang nicht berücksichtigt, bleibt auf die Verteidigung bestehender Formen beschränkt, ohne deren materielle Voraussetzungen sichern zu können.

Auch die Rolle ökonomischer Akteure bleibt unterbelichtet. Die gegenwärtige Entwicklung wird aktiv von Arbeitgeberverbänden, wirtschaftsnahen Think Tanks und politischen Eliten vorangetrieben. Die Priorisierung militärischer Investitionen bei gleichzeitiger Relativierung sozialer Ansprüche wird offen formuliert und politisch umgesetzt.[4] Damit ist die Entscheidung „Kanonen statt Butterfaktisch bereits getroffen. Der Leitantragsentwurf benennt diesen Konflikt nicht.

Vor diesem Hintergrund lässt sich der Text diskursanalytisch klar einordnen.
Er verschiebt die Wahrnehmung der zentralen Konflikte.

  • Sicherheit wird primär sozialstaatlich definiert, nicht als Frage von Produktionsverhältnissen und Macht. Die Hauptbedrohung erscheint politisch – als Angriff von ´rechts´ –, nicht strukturell in der Transformation des gesellschaftlichen Reproduktionsregimes (national und international) selbst.
  • Die Klimakrise wird als Transformationsaufgabe innerhalb bestehender Strukturen behandelt, nicht als Ausdruck des Überschreitens globaler systemischer Grenzen.
  • Militärische und kriegerische Eskalation erscheinen randständig, nicht strukturierend. Insgesamt entsteht so ein konsistenter, aber begrenzter Deutungsrahmen: Krisen werden in bearbeitbare Einzelprobleme übersetzt, deren Lösung im Ausbau staatlicher Steuerung gesehen wird.

 

Diese fragmentierte Sicht auf die vielfältigen Krisenerscheinungen des gegenwärtigen kapitalistischen Reproduktionsregimes überrascht umso mehr, als die grundlegenden Zusammenhänge selbst innerhalb gewerkschaftsinterner ökonomischer Analysen längst klar herausgearbeitet sind.

So hält etwa der ver.di-Chefökonom Dierk Hirschel fest, dass militärische Aufrüstung, ökonomische Instabilität und geopolitische Konkurrenz zunehmend ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken.[5]

Militärausgaben wirken dabei nicht als nachhaltige wirtschaftliche Impulse, sondern entziehen produktiven und sozialen Bereichen Ressourcen, treiben Inflation und verschärfen Verteilungskonflikte. Zugleich erhöhen sie den Druck auf öffentliche Haushalte und stellen Sozialstaat und ökologische Transformation zunehmend unter Finanzierungsvorbehalt.

Damit verschiebt sich die zentrale Konfliktlinie: Aufrüstung und sozial-ökologische Entwicklung geraten strukturell in Gegensatz. Dass dieser Zusammenhang im Leitantrag nicht systematisch aufgegriffen wird, markiert eine zentrale analytische und strategische Leerstelle.

Diese Perspektive erklärt auch eine letzte zentrale Leerstelle des vorliegenden Entwurfs: die fehlende internationale gewerkschaftliche Dimension. Zwar wird ´internationale Kooperation´ im Allgemeinen angesprochen, jedoch ausschließlich auf staatlicher oder institutioneller Ebene. Eine strategische Perspektive internationaler Gewerkschaftszusammenarbeit – etwa zur gemeinsamen Intervention in globale Produktions- und Lieferketten oder zur transnationalen Koordination von Arbeitskämpfen – fehlt vollständig. Gerade angesichts global organisierter Produktions- und Rüstungsstrukturen stellt dies ein gravierendes Defizit dar.

Die Konsequenzen der beschriebenen analytischen und strategischen Defizite sind erheblich. Die im Leitantrag formulierten Ziele greifen bereits deshalb zu kurz, weil sie auf einer verkürzten Analyse der historischen Situation beruhen. Zugleich bleibt der Antrag selbst hinter diesen begrenzten Zielen zurück, weil er keinerlei Hinweise auf deren operative Umsetzung gibt.

Insbesondere fehlt jede strategische Bestimmung der erforderlichen gewerkschaftlichen Mittel zur Erlangung mindestens politischer Handlungsfähigkeit; von Hegemoniefähigkeit gar nicht erst zu sprechen.

Art. 9 Abs. 3 GG weist Gewerkschaften ausdrücklich die Aufgabe zu, Arbeits- UND Wirtschaftsbeziehungen zu gestalten – also nicht nur Verteilung, sondern Produktion und gesellschaftliche Prioritäten zu beeinflussen. Der Leitantragsentwurf formuliert jedoch keine Strategie, wie unter den Bedingungen einer sich verfestigenden Kriegsökonomie auf diese Prozesse eingewirkt werden kann.

Gerade unter Bedingungen zunehmender Erdüberlastung, Klimakrise und globaler gesellschaftlicher Eskalation wird diese Leerstelle zentral. Wenn politische Entscheidungen unmittelbar in Arbeits- und Lebensbedingungen eingreifen und gesellschaftliche Ressourcen neu verteilt werden, kann gewerkschaftliche Politik nicht auf Programme und Appelle an staatliche Regulierung beschränkt bleiben. Sie muss sich auf ihr wirksamstes Mittel rückbesinnen: den Arbeitskampf.

Dabei geht es nicht um eine bloße Erweiterung tarifpolitischer Instrumente, sondern um eine strategische Neubestimmung. Arbeitskämpfe sind unter den gegebenen Bedingungen notwendigerweise auch Eingriffe in gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Sie betreffen die Frage, wie produziert wird, wofür gearbeitet wird und welche Prioritäten gesellschaftlich durchgesetzt werden.[6]

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine strategische Orientierung an Bedeutung, die im Entwurfstext für den Leitantrag fehlt: die Durchsetzung einer sozial-ökologischen Konversion gegen die Verfestigung einer Kriegsökonomie. Diese Perspektive verbindet soziale, ökologische und friedenspolitische Fragen auf einer gemeinsamen materiellen Grundlage und eröffnet überhaupt erst einen Ansatzpunkt für wirksame gewerkschaftliche Politik.

Zusammengefasst:

  • Der vorliegende Entwurf für den Leitantrag formuliert Ziele, die bereits aufgrund einer unzureichenden Analyse der historischen Situation zu kurz greifen.
  • Der Text bleibt selbst hinter seinen eigenen begrenzten Zielsetzungen zurück, weil er keinerlei Strategie zu ihrer Durchsetzung entwickelt.
  • Er benennt Probleme, ohne die strukturellen Konflikte zu erfassen, aus denen sie hervorgehen.
  • Der Leitantragsentwurf verzichtet auf jede Bestimmung der Mittel, mit denen Gewerkschaften unter den realen Bedingungen eskalierender Kriege und ökologischer Krise handlungsfähig werden können, hin zur erforderlichen sozial-ökologischen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft – insbesondere auf Arbeitskampf als Instrument zur Durchsetzung gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Zielsetzungen sowie auf eine international koordinierte gewerkschaftliche Praxis.

Damit bleibt der DGB-Vorstand  nicht nur hinter dem verfassungsrechtlichen, historischen und politischen Anspruch gewerkschaftlicher Politik zurück, sondern verfehlt auch die aus der eigenen Geschichte erwachsene Verantwortung, den Zusammenhang von Krieg, autoritärer Entwicklung und sozialer Entdemokratisierung frühzeitig zu erkennen und ihm aktiv – das heißt durch konkretes Tun – entgegenzutreten.

Wie unzureichend die beschriebene fragmentierte Sicht auf die verschiedenen Krisenerscheinungen des kapitalistischen Reproduktionsregimes ist, zeigt sich aktuell besonders deutlich. Zwar war der vorliegende Text abgeschlossen, bevor am 24. Februar der erneute Angriff der USA und Israels auf den Iran begann. Doch gerade diese Eskalation macht die beschriebenen Leerstellen wie unter einem Brennglas sichtbar.

Der Krieg steht nicht neben der ökonomischen Krise – er ist Teil von ihr und treibt sie zugleich voran. Militärische Eskalation und ökonomische Instabilität verschränken sich zunehmend. Die Folgen sind unmittelbar spürbar: steigende Energiepreise, sicht- und spürbarbar am direktesten und deutlichsten an der Tankstelle, anhaltend hohe und galoppierende Inflation und damit reale Lohnverlusteverschärft durch lange Tariflaufzeiten von 18 bis 36 Monaten, in denen Preissteigerungen für die abhängig Beschäftigten nicht ausgeglichen werden können.

Gerade hier zeigt sich die gewerkschaftliche Relevanz: Kriegspolitik wirkt direkt in die Arbeits- und Lebensbedingungen hinein. Eine Analyse, die diesen Zusammenhang nicht systematisch erfasst, bleibt unzureichend – und verstellt den Blick auf die notwendigen gewerkschaftlichen Antworten.

Eine solche begrenzte Sicht auf die Welt und die eigenen Handlungsoptionen bleibt zudem deutlich hinter den Erfahrungen anderer Gewerkschaften in anderen Ländern zurück. Die haben insbesondere in Italien, Frankreich, Griechenland, Belgien der Türkei und sogar in den USA in den vergangenen Jahren durch eindrucksvolle Massenaktionen bis hin zu Generalstreiks gegen Krieg, Besatzung, Genozid, Grundrechteabbau, Repression und soziale Verwerfungen gezeigt, dass klassenautonom handelnde Gewerkschaften nicht nur möglich sind, sondern auch eine politische Sogwirkung für einen neuen Aufbruch zu Frieden und Emanzipation entfalten können – ganz im Sinne des historischen Kerns von Arbeiter*innenorganisationen selbst.

Wenn sich vom Entwurf bis zur finalen Fassung nicht noch Wesentliches ändert, dann liegt es in den Händen der 400 Delegierten, diese Zusammenhänge zu erkennen und den Leitantrag entsprechend zu revidieren – auf Grundlage gewerkschaftlicher Prinzipien: antimilitaristisch, sozial und nachhaltig, mit internationalistischer Orientierung. Sie können ein Signal senden, dass Gewerkschaften sich nicht in eine Kriegsökonomie einpassen, sondern ihr ihre klassenautonome Perspektive entgegensetzen.

 

Anmerkungen:

[1] Solty, Ingar (2026): Militarisierung: Bedrohliche Pfadabhängigkeit. *junge Welt*, 18.03.2026; https://kurzlinks.de/r1gl

[2] Buderus, Andreas: Zur Kritik der politischen Ökonomie der Kriegsvorbereitung. *gewerkschaftsforum.de*, 05.03.2026; https://kurzlinks.de/ooik  // Ders.: Der Kampf um eine zivil-ökologische Perspektive des VW-Werks Osnabrück. *gewerkschaftsforum.de*; https://kurzlinks.de/oec0

[3] Ders.: Wenn in Davos die Barbarei im Maßanzug tafelt. *gewerkschaftsforum.de*, 12.02.2026; https://kurzlinks.de/zrif

[4] Eifler, Ulrike, u.a. (2024/25): Gewerkschaften in der Zeitenwende. *VSA Verlag*; https://kurzlinks.de/4vbs

[5] Hirschel, Dierk: Kanonen oder Butter?  *Zeitschrift Luxemburg, September 2025*https://kurzlinks.de/ma9l

[6] Buderus, Andreas: Kein Frieden ohne Gegenmacht. *junge Welt*, 18.02.2026; https://kurzlinks.de/bfei

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Der Autor:

Andreas Buderus ist Gewerkschaftsaktivist und Mitinitiator der gewerkschaftlichen Basisinitiative ´SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden´

 

 

 

 

 

 

Bild: Ersteller Rainer Jensen/dpa