Migration und Arbeitskampf: Ford-Streik Köln 1973

Der Streik bei Ford in Köln Ende August 1973  ist ein entscheidender Markstein in der Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Ja, der Arbeiterbewegung in Deutschland, nicht der „deutschen Arbeiterbewegung…“ Dies aufgrund von drei Aspekten:

Erstens. Der Kölner Ford-Streik markierte – zusammen mit der breiten Streikbewegung von Mai bis Oktober in diesem Jahr 1973 – definitiv das Ende einer Zeit mit relativem „Klassenfrieden“, was zusammenfiel mit einer Periode, die gemeinhin als (westdeutsches) Wirtschaftswunder verklärt wird. Dabei muss bedacht werden, dass es ein solches Wirtschaftswunder mit wenigen Auseinandersetzungen zwischen Lohnarbeit und Kapital nur rund eineinhalb Jahrzehnte lang gab: In der Zeit nach dem Druckergeneralstreik des Jahres 1952 und bis zu den „wilden Streik“ des Jahres 1969, die auch ein Reflex auf die erste Nachkriegsrezession (1966/67) waren.

An den überwiegend „wilden“ – nicht von den Gewerkschaften offiziell geführten – Streiks des Sommers 1973 beteiligten sich bis zu 300000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Das war nochmals deutlich mehr als bei der Streikwelle 1969. Wichtige Betriebe, in denen es solche Auseinandersetzungen gab, waren u.a. die Landmaschinenfabrik John Deere in Mannheim, die Klöckner-Hütte Bremen, die Hella-Werke Lippstadt, Pierburg in Neuss, AEG-Küppersbusch in Gelsenkirchen, Opel Bochum, Philips/Valvo in Bremen, Rheinstahl in Bielefeld und Duisburg und Buderus in Lolla/Hessen.

Zweitens. In den 1973er Streiks erwies sich erstmals das enorme kämpferische Potential der „Gastarbeiter“ – der Arbeiterinnen und Arbeiter aus den europäischen Peripherieländern. In Köln waren dies vor allem die türkischen Kolleginnen und Kollegen. In den meisten Streiks jener Wochen spielten sie eine – in Köln und anderswo: die – führende Rolle. Damit markieren diese Streiks auch das Ende eines spezifischen Akkumulationszyklus des deutschen Kapitals: Dieses konnte bis Ende der 1960er Jahre und teilweise bis in die 1970er Jahre hinein mit eher geringem Kapitaleinsatz und billigen Arbeitskräften (und damit vor allem in Form von absoluter Mehrwertproduktion und hohen Gewinnen) fungieren. Der Arbeitskräftezufluss speiste sich aus den drei Quellen: Arbeitslosenheer (bis 1953 mehr als eine Million), Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten und der DDR (bis 1961 zehn Millionen Menschen, davon mindestens 6 Millionen im arbeitsfähigen Alter) und „Gastarbeiter“ (zwischen 1960 und 1973 eine Million). Wenn es dann ab Mitte der 1970er Jahre als Resultat höherer Löhne und der Krise 1974/75 zu einem Rationalisierungsschub kam und sich nunmehr – ergänzt um eine weiter unterbewertete D-Mark – auf dieser Basis die erfolgreiche Exportoffensive des deutschen Kapitals fortsetzte, so ist dies Teil der Dialektik, die der kapitalistischen Produktion innewohnt.

Drittens. In den 1973er Streiks gab es eine deutliche Spaltung zwischen den migrantischen Arbeitskräften, die die Kämpfe meist anführten, einerseits, und den deutschen Kolleginnen und Kollegen, die teilweise neutralisiert werden konnten, die sich teilweise aber auch – nicht zuletzt durch regionale IG Metall-Strukturen – rassistisch instrumentalisieren ließen, andererseits.

Diese Klassenspaltung war die entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Streiks – anders als diejenigen des Jahres 1969 – überwiegend abgewürgt und teilweise brutal zerschlagen wurden. Die Ereignisse in Köln waren hier exemplarisch. Wenn es heute diese rassistische Spaltung in den Kernbelegschaften nicht mehr gibt, so ist das vor allem den migrantischen Arbeitskräften und ihrem kämpferischen Einsatz zu verdanken.

Dass Szenarien der Streikbekämpfung, wie es sie in Köln 1973 gab, Vergangenheit sind, ist leider frommer Wunsch. Im Juni 2012 wurde in Bremen bei einem groß inszenierten Appell die erste Kompanie der Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskräfte (RSU) der Bundeswehr vorgestellt. RSU-Kräfte bestehen vor allem aus Reservisten; sie werden derzeit bundesweit aufgebaut. Klassische Bundeswehr und die RSU-Kräfte trainieren u.a. Einsätze bei „inneren Unruhen“, Streiks inbegriffen. (Siehe die aktuelle Ausgabe der Zeitung gegen den Krieg – ZgK, Heft 36).

„Von der sozialen Zusammensetzung ihrer Aktivisten und von den Kampfzielen her ist die Streikbewegung vom August (1973) fast nirgends mit den Septemberstreiks von 1969 vergleichbar. (…) Der Schwerpunkt hatte sich (…) auf die angelernten Bandarbeiter der metallverarbeitenden Massenproduktion, auf die Massenarbeiter verlagert: vor allem Frauen und Arbeitsemigranten, die die größten Mehrwertmassen produzieren und am wenigsten Lohn nach Hause tragen. (…) Das Resumé der Streikbewegung zeigt, dass von den Unternehmern und Gewerkschaften mit Zuckerbrot und Peitsche vorgegangen worden war. Es wurden meistens Zugeständnisse bei den Reallöhnen gemacht, um die Ausweitung der Kämpfe (…) zu verhindern. Gleichzeitig ging der Unternehmerstaat überall da, wo er es zu riskieren können glaubte, zu harten Repressionsmaßnahmen über.“

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Aus: Karl Heinz Roth, Die „andere“ Arbeiterbewegung, München 1974, S. 11 u. 12.

 

 

 

 

 

Der Beitrag erschien auf LunaPark21 • zeitschrift zur kritik der globalen ökonomie und wird mit freundlicher Genehmigung hier gespiegelt.
Bild:  Targün beim Ford-Streik 1973 | Foto: Gernot Huber