Mit Hintergrundinfos
Von GM (15.10.2026)
Ich freue mich über jede Bewegung, insbesondere antimilitaristische. Für den Hamburger Hafen sehe ich da leider wenig Aussicht auf eine breite Bewegung. Aus einer Tarifrunde mit ein paar Warnstreiks auf eine kämpferische oder gar antimilitaristische Haltung zu schließen, finde ich recht problematisch.
Wir sollten zu realitätsnahen Einschätzungen kommen, ohne das, was sich bewegt zu schmälern. Der Aufruf zum Aktionstag am 30.10.2026, den ich durchaus begrüße, wird leider von vergleichsweise wenigen Gewerkschaften getragen. Bei der HHLA ist das so gut wie kein Thema. Auch aus Aarhus habe ich dazu nichts gehört, obwohl es dort immer noch ein Bedürfnis nach Austausch gibt.
Was die Tarifrunde angeht, so haben die ver.di Funktionäre leider eindrucksvoll gezeigt, wie weit sie von der Basis weg sind. Es gibt seit langem eine Kultur, in der die Funktionäre, einschließlich der Vertrauensleute, im Wesentlichen unter sich sind. Die Erkenntnis, dass die gewählten Vertrauensleute offenbar die Basis nicht erreichen, hat ja dann zu der Installation von ‚Tarifbotschaftern‘ (Tabos) geführt, um irgendwie eine Bindung zur Basis wiederherzustellen.
Wie die Tarifrunde gezeigt hat, war deren Verbindung zur Basis wohl eher eingeschränkt. Die am 15.9. verkündete Ablehnung des Arbeitgeberangebotes (Anlage 1) durch 65% der Mitglieder basierte ja auf der ‚Mitgliederbefragung‘ durch die ‚TaBos’. Der Landesverband Hamburg hat das versucht mit Zahlen zu hinterlegen (Anlage 2).
Wie die konkreten Zahlen zustande gekommen sind, eine Abstimmung hatte es ja nicht gegeben, erschließt sich nicht.
Ziel war offenbar Stärke zu zeigen, allerdings auf etwas tönernen Füßen.
Die Stunde der Wahrheit kam dann, als man sich entschlossen hat, erneut eine Mitgliederbefragung ‚unter Maßgabe einer Urabstimmung‘ bis zum 01.10.2026 durchzuführen. Ob die Beteiligung der Erwartung entsprochen hat, darf wohl in Frage gestellt werden. Genauere Zahlen sind zumindest nicht veröffentlicht. Das erste Flugblatt dazu hebt eine große Beteiligung hervor. Für mich ist der Eindruck entstanden, als wolle man besonders die Beteiligung betonen (Anlage 3). Das Ergebnis fiel dann mit 57,91% Ablehnung des Arbeitgeberangebotes (Anlage 4) doch deutlich geringer aus, als das vorangegangene Ergebnis der ‚Mitgliederbefragung‘. Das spricht nicht gerade für eine enge Verbindung zwischen Mitgliedern und Funktionären.
Dass nach einer Ablehnung des Angebotes der Arbeitgeber das Angebot ohne weitere Verhandlungen oder Nachbesserungen dann doch angenommen wird, habe ich noch nicht erlebt und spricht nicht für die Durchsetzungsfähigkeit einer Gewerkschaft. Das ist eher ein Kniefall, nachdem man erst die, nicht vorhandenen, Muskeln hat versucht spielen zu lassen.
Da ist nicht einmal das Gesicht gewahrt worden.
Das lässt sich auch nicht schön reden, indem betont wird, die Mitglieder seien doch ‚mitgenommen worden. Nachweislich gilt das nicht für fast die Hälfte der Mitglieder. Der Zeitgeist, jeder stirbt für sich allein, ist da keine ausreichende Erklärung.
Gewerkschaftspolitik in kleinen Funktionärskreisen und Whatsapp-Gruppen wird das nicht ändern, sondern eher verstärken.
Der Artikel in SoZ-online ‚Streikfreudige Häfen’ (https://www.sozonline.de/2026/09/streikfreudige-haefen/ ) folgt ja der Lesart, dass nun endlich wieder auf die Mitglieder eingegangen würde. Zwar vor der letzten Abstimmung geschrieben, wäre zu erklären, warum deutlich weniger Mitglieder nach zählbarer Abstimmung das Arbeitgeberangebot abgelehnt haben, als die vorherige ‚Mitgliederbefragung‘.
Er sagt nichts zur Stimmung in der Mitgliedschaft und deren Problemen mit Automatisierung, Arbeitsverdichtung und Arbeitsplatzvernichtung.
Sagt nichts zu dem Graben zwischen den Containerumschlagsbetrieben und dem Rest der Hafenwelt.
Gewerkschaftliche Tarifarbeit beschränkt sich nicht auf Lohnkämpfe. Was die Unternehmer da ausgeben, holen sie sich an anderer Stelle von den Beschäftigten wieder und da schweigt die Gewerkschaftswelt.
Es fehlen gemeinsame Diskussionen, gemeinsame Meinungsbildung im Betrieb, in den Abteilungen. Nicht individuell, nicht online, sondern in Versammlungen, wo sich Solidarität und gemeinsame Stärke entwickeln lässt.
Anlage 1
https://www.verdi.de/geld-tarif/seehaefen-tarifrunde-verdi-fordert-mehr
Anlage 2
Tarifrunde Seehäfen: Beschäftigte lehnen Angebot der Arbeitgeber mehrheitlich ab – jetzt folgt Mitgliederbefragung
unter Maßgabe der Urabstimmung bis 1. Oktober 2026
In der Tarifrunde für die deutschen Seehäfen haben die Beschäftigten nach einer intensiven Befragung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ein Votum abgegeben: Sie lehnen das von den Arbeitgebern in der vierten Verhandlungsrunde vorgelegte Angebot mit einer Laufzeit von zwölf Monaten mehrheitlich ab. An der Rückkopplungsrunde, die am Montag (14. September 2026) endete, hatten mehr als 5.500 Beschäftigte teilgenommen. 64,7 Prozent der Befragten votierten für Ablehnung (Ablehnung: 3.578 Beschäftigte, Annahme: 1.945 Beschäftigte).
Das Angebot mit einer Laufzeit von 12 Monaten für die rund 11.000 Hafenbeschäftigten in Hamburg, Bremen, Bremerhaven, Emden, Brake und Wilhelmshaven sieht verschiedene Komponenten vor. Der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) bietet dabei 3,4 Prozent höhere Stundenlöhne an, rückwirkend ab dem 1. August 2026. Zudem soll das Urlaubsgeld für alle um 200 Euro erhöht werden. Beschäftigte in den umsatzstarken Containerbetrieben (sogenannte A-Betriebe) sollen ab dem 1. Januar 2027 zusätzlich eine um 416 Euro erhöhte Jahrespauschale bekommen.
„Mit dem in der vierten Verhandlungsrunde vorgelegten Angebot über zwölf Monate kommen die Arbeitgeber dem Wunsch der Beschäftigten nach einer kürzeren Laufzeit entgegen; die soziale Komponente, die sich verstärkt auf die unteren Lohngruppen auswirkt, fehlt jedoch. Die Arbeitgeber haben mehrfach erklärt, dass das Volumen ausgereizt sei“, sagte Sylvi Krisch, Verhandlungsführerin der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) gemeinsam mit Francisca Bier, am Mittwoch. ver.di wird nun eine Mitgliederbefragung unter Maßgabe der Urabstimmung einleiten, die bis zum Abend des 1. Oktober 2026 läuft. Sprechen sich mindestens 75 Prozent der zur Mitgliederbefragung aufgerufenen Mitglieder für Ablehnung und Einleitung unbefristeter Streiks aus, wird die Bundestarifkommission über das Scheitern der Verhandlungen und Einleitung unbefristeter Streiks beraten und beschließen. Krisch: „Bei Scheitern der Verhandlungen satteln wir nicht automatisch auf den aktuellen Stand auf, sondern beginnen im Zweifel von vorn und ergebnisoffen.“
Sprechen sich weniger als 75 Prozent der zur Mitgliederbefragung aufgerufenen Mitglieder für die Ablehnung und Einleitung unbefristeter Streiks aus, wird die ver.di-Bundestarifkommission über das weitere Vorgehen, zum Beispiel Annahme des Angebots, beraten und beschließen.
Anlage 3
Tarifinfo – ZdS Lohnrunde. Ver.di
Tausende abgegebene Stimmenn -So geht’s weiter…
Die Mitgliederbefragung unter Maßgabe der Urabstimmung ist beendet. Vielen Dank an die tausenden ver.di-Kolleg*innnen, die sich beteiligt und damit ihre Rückmeldung zur aktuellen Situation in der Tarifrunde gegeben haben! Eine solche Beteiligung ist ein wichtiges Signal. Sie zeigt, dass unsere Mitglieder die Entwicklungen in der Tarifrunde aufmerksam verfolgen und sich mit ihren Erwartungen und Einschätzungen einbringen.
Jetzt geht es darum, alle Rückmeldungen sorgfältig zu beraten. Das Ergebnis der Befragung ist ein wichtiger Baustein für die weiteren Beratungen. Gleichzeitig ist es notwendig, die Rückmeldungen gemeinsam mit den weiteren Entwicklungen und den Gesamtumständen der Tarifrunde zu betrachten. Die Bundestarifkommission wird deshalb die Ergebnisse der Befragung nun ausführlich braten und einordnen. Dabei geht es darum, alle relevanten Aspekte zusammenzuführen und auf dieser Grundlage eine verantwortungsvolle Entscheidung über das weitere Vorgehen zu treffen.
Das sind die nächsten Termine:
05.10.2026 – Sitzung der BTK und Entscheidung zum weitere Vorgehen.
06.10.2026 – 10:00 und 16:30 Videokonferenz der Tarifbotschafter*innen zum weiteren Vorgehen.
Wir nehmen eure Rückmeldungen ernst. Wir wissen, dass viele Kolleg*innen mit Spannung darauf schauen, wie es weitergeht. Die Tarifrunde stellt uns vor Herausforderungen – und genau deshalb kommt es jetzt auf Zusammenhalt, einen kühlen Kopf und gegenseitiges Vertrauen an. Vielen Dank an alle, die sich beteiligt haben, für eure Zeit, eure Rückmeldungen und eure Unterstützung. Jede Beteiligung trägt dazu bei,dass wir ein möglichst umfassendes Bild aus den Betrieben bekommen. Wir bleiben miteinander im Gespräch, halten zusammen und gehen die kommenden Herausforderungen gemeinsam an.
Quelle und weitere Infos: https://gewerkschaftslinke.hamburg Bild: wk-weserkurier