Arbeitsvolumen kontra Arbeitsplätze

imagesIm Grußwort zum Jahreswechsel 2014/2015 schrieb der Oberbürgermeister Ulrich Sierau, dass wir mit der wirtschaftlichen Entwicklung im Jahr 2014 zufrieden sein können.

Etwa 315 000 Arbeitsplätze könnten wir in Dortmund verzeichnen – Tendenz steigend. Er will uns damit Hoffnung geben, dass die Arbeitslosigkeit in Dortmund sich verringern und die Erwerbsarbeit steigen wird. Aber diese Hoffnung ist nicht begründet, da oft nicht berücksichtigt wird, dass das Arbeitsvolumen der beschäftigten Arbeitnehmer seit Anfang der 1990er Jahre sich ständig verringert hat und das verbliebene Arbeitsvolumen durch Leih- und Teilzeitarbeit und den Mini-Jobs nur auf mehr Personen verteilt wurde. Zahlenmäßig sind tatsächlich mehr Arbeitsplätze entstanden, aber das sagt nichts über die Qualität dieser Arbeitsplätze aus und ob man von ihnen überhaupt leben kann.

Notwendig für die Diskussion Arbeitsvolumen kontra Arbeitsplätze sind viele Zahlen als Rechengrundlage.

Die Zahl 43 Millionen geisterte Ende November 2014 durchs Land. Es gab genau 43.006 Millionen Erwerbstätige, 408.000 mehr als im Jahr zuvor. So viele Menschen waren bei uns noch nie erwerbstätig.

Hier sollt man mal genauer hinschauen.

Zunächst einmal gehen wir von der Arbeitsplatzzahl bzw. die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt aus.

Von den 43 Millionen Erwerbstätigen sind 37 Millionen Arbeiter, Angestellte oder Beamte.

Von den 37 Millionen sind 29 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Von den 29 Millionen arbeiten 24 Millionen in Vollzeit.

Hier angekommen, dürfen wir die 13 Millionen Erwerbstätigen nicht vergessen, die in sehr unterschiedlichen Teilzeitarbeitsverhältnissen arbeiten müssen, denn 24 Millionen in Vollzeit plus 13 Millionen in Teilzeit sind die 37 Millionen Arbeiter, Angestellte oder Beamte.

Von den 13 Millionen, die in Teilzeit arbeiten, arbeiten 8 Millionen Menschen ohne Sozialversicherungspflicht.

Dann dürfen wir nicht die 2,5 Millionen Personen, die als Einzel-Selbständige tätig sind und niemand angestellt haben, vergessen.

Auch nicht diejenigen 2 Millionen Menschen, die selbständig tätig sind und andere angestellt haben.

Diese Rechnung zeigt, dass die absolute Zahl von Arbeitsplätzen kaum eine Aussage hat und zur Schönfärberei des Arbeitsmarktes dient.

Aber wichtiger als die Zahl der Arbeitsplätze ist die Stundenzahl des Arbeitsvolumens.

Das Arbeitsvolumen umfasst die geleisteten Arbeitsstunden (tatsächlich geleistete Arbeitszeit) aller Erwerbstätigen. Geleistete Arbeitsstunden sind auch die, die von Personen mit mehreren gleichzeitigen Beschäftigungsverhältnissen erbracht werden. Nicht zum Arbeitsvolumen gehören die bezahlten, aber nicht geleisteten Arbeitsstunden, beispielsweise Jahresurlaub, Erziehungsurlaub, Feiertage, Kurzarbeit oder krankheitsbedingte Abwesenheit. Auch werden nicht die bezahlten Pausen für das Einnehmen von Mahlzeiten einbezogen, sowie die Zeit für die Fahrten von der Wohnung zum Arbeitsplatz und zurück. Beim Arbeitsvolumen wird weder die Intensität noch die Qualität der geleisteten Arbeit berücksichtigt.

Bei der wachsenden Anzahl von Erwerbstätigen und Arbeitsplätzen geht man leichtfertig davon aus, dass auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden mitwächst. Aber im Gegenteil, die Arbeitsstunden sind gesunken, weil die Produktivität schneller gestiegen ist, als das Wirtschaftswachstum. Laut der Langzeitstatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt sich, dass sich das Arbeitsvolumen der beschäftigten Arbeitnehmer (also der nicht selbstständigen Erwerbstätigen) seit 1991 von 51.768 Millionen Stunden auf 48.779 Millionen Stunden im Jahre im Jahre 2012 verringert hat. Das Arbeitsvolumen der Vollzeitbeschäftigten hat sich im gleichen Zeitraum von 47.635 Millionen Stunden auf 39.974 Millionen Stunden verringert.

Aber das Arbeitsvolumen der Beschäftigten in Teilzeit hat sich von 3.818 auf 8.093 Millionen Stunden erhöht.

Das heißt in der Tendenz, dass sich das Arbeitsvolumen auf mehr Köpfe verteilt hat und vor allem die Teilzeitarbeit erheblich angestiegen ist.

Das ist der eigentliche Pferdefuß bei den Lobgesängen auf das neue Arbeitsplatzwunder in Deutschland. Er soll darüber hinwegtäuschen, dass durch die „Liberalisierung des Arbeitsmarktes“ die Arbeit auf mehr Köpfe verteilt und eine Abwärtsspirale der Entgelte in Gang gesetzt wurde, die nun mit öffentlichen Mitteln subventioniert werden muss. So erhalten immer mehr Beschäftigte ein Einkommen, das allenfalls die Existenz sichert.

Aber rechnen wir doch noch etwas weiter und zwar in Richtung Arbeitszeitverkürzung.

Durchschnittlich sind mindestens einmal jährlich etwa 2 Millionen Erwerbstätige für 10 Arbeitstage oder anders ausgedrückt für 160 Millionen Arbeitsstunden bei uns krank. Auf der anderen Seite fallen noch rund 1,5 Milliarden Überstunden an. 1,5 Milliarden Überstunden entsprechen rund 1 Million Vollzeitarbeitsplätze.

Wenn man nun alle Arbeitsverhältnisse, wie Minijobs, Teilzeitbeschäftigte und die Vollzeitbeschäftigten zusammen rechnet, kommt man auf die durchschnittliche Jahresarbeitszeit aller Beschäftigen von rund 1.300 Stunden an 220 Arbeitstagen.

Genau diese Arbeitszeit entspricht der 30-Stunden-Woche.

Weil aber die Arbeitszeit total ungleich verteilt ist – hier die Überstunden und der Stress und dort die Erwerbslosigkeit mit ihrem eigenen Stress – muss die Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohn- und Personalausgleich her.

Aber wie schon seit eh und je wird die Arbeitszeitverkürzung als Untergang des Abendlandes erklärt.

Was nützen uns die schönen Rechenbeispiele, mit denen wir nachweisen, dass die Arbeitszeitverkürzung auf 30 Wochenstunden bei vollem Lohn- und Beschäftigungsausgleich funktioniert, wenn wir nicht die politische Macht haben, dies auch durch zu setzen.

Dass es diese Macht geben kann, haben wir als Gewerkschafter bei den Kämpfen um die 35-Stunden-Woche doch selbst erlebt.

Damit dies wieder geschieht, muss auch Oberbürgermeister Ulrich Sierau daran mitarbeiten – allerdings muss er noch anders rechnen lernen.

 

Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit

Bild: ver.di