Berufsausbildungsprogramm Joblinge: Mit öffentlichen Mitteln Arbeitskräfte abrichten – „Es geht darum, einen Rohdiamanten zu schleifen“

Es ist kaum zu glauben, aber schon zu der Zeit, kurz nach der Hartz-IV-Gesetzgebung, als die Unternehmensberatung McKinsey in Deutschland den Aufbau von Tafeln in die Hand nahm, hat sich eine andere Unternehmensberatung aus den USA massiv in die Berufsausbildung eingemischt.

Unter dem drolligen Namen „Joblinge“ wurde mithilfe der Boston Consulting Group 2007 eine Initiative ins Leben gerufen, die erwerbslosen jungen Menschen den Anschluss an Ausbildung oder Anstellung ermöglichen soll. Ziel ist, dass „die jungen Menschen Schlüsselqualifikationen erlernen, soziale Kompetenzen trainieren und sich in verschiedenen Unternehmenspraktika eine konkrete Chance auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz erarbeiten“.

Im Jahr 2020 sind 1.340 Teilnehmer aufgenommen worden, von denen 1.033 erfolgreich an private Unternehmen vermittelt wurden. Auch hier gilt das Motto: Privat vor Staat, denn in den „Programmen können junge Erwachsene ihre Fähigkeiten in der Praxis beweisen – jenseits von Schulnoten und klassischen Bewerbungsgesprächen.“ Dennoch nimmt man gerne die staatliche Förderung mit, im Jahr 2019 beliefen sich die Einnahmen auf insgesamt 13 Millionen Euro, davon kamen 9,51 Millionen aus der öffentlichen Förderung. Der Rest kam von der RAG-Stiftung, der Initiativkreis Ruhr, die Talentmetropole Ruhr und einige Revierunternehmen, wie der Sicherheitskonzern Kötter.

Boston Consulting Group

Die Boston Consulting Group (BCG) ist eine der weltweit größten Unternehmens- und Strategieberatungsgesellschaft und wurde im Jahr 1963 gegründet. Das Beratungsunternehmen selbst versteht sich als Strategieberatung und gliedert sich in verschiedene Kompetenzfelder. Vorrangig entwickelt und vermarktet es neue digitale Produkte und Geschäftsmodelle mit dem Ziel, die Transformation in Großkonzernen zu beschleunigen. Das erste deutsche Büro wurde bereits 1975 in München eröffnet. 2007 wurde mithilfe der BCG unter dem Namen „Joblinge“ eine Initiative ins Leben gerufen, die erwerbslosen junge Menschen den Anschluss in den Beruf ermöglichen soll.

Zuletzt fiel die BCG im Rahmen der Luxemburg-Leaks Affäre negativ auf. Das Unternehmen hatte durch rechtlich verbindliche Absprachen (Advance Tax Rulings) mit Luxemburger Behörden Steuervermeidung betrieben.

Seit der Gründung 2007 durch die Unternehmensberatung BCG und die Eberhard von Kuenheim Stiftung wurden deutschlandweit mehr als 30 Standorte von Joblinge eröffnet.

Ziel und Konzept von Joblinge

Joblinge ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft (gAG), die sich an benachteiligte Jugendliche zwischen 15 und 27 Jahren richtet, die Anschluss an den Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt suchen. Im Rahmen eines sechsmonatigen Programms werden sie auf eine betriebliche duale Ausbildung oder eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt vorbereitet.

Laut ihres Selbstverständnisses will die Initiative einen Beitrag gegen Jugendarbeitslosigkeit leisten, indem sie „benachteiligte junge Menschen zwischen 15 und 27 Jahren nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert. Während eines sechsmonatigen Programms sollen berufliche und soziale Kompetenzen der Teilnehmenden aufgebaut und gestärkt werden, damit sie sich nach der Vermittlung selbstständig auf dem Arbeitsmarkt bewegen können. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt soll mithilfe eines Unterstützungsnetzwerks aus Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft geebnet werden.

Gleichzeitig wird „Wert auf den volkswirtschaftlichen Nutzen gelegt:

Der größte messbare Effekt der Initiative ist der volkswirtschaftliche Nutzen. Die jungen Menschen werden zu aktiven Mitgliedern der Gesellschaft und zahlen Steuern und Sozialbeiträge, statt Leistungen zu empfangen. Die direkten, öffentlich geförderten Programmkosten (knapp 3.600 Euro pro Teilnehmenden plus die Kosten für Sozialleistungen während der Programmdauer) sind bereits nach 17 Monaten für den Staat günstiger als eine reine Fortzahlung der Sozialleistungen. Nach dreieinviertel Jahren ist die vollständige Amortisation erreicht. Nach zehn Jahren ergeben sich Gesamteinsparungen von knapp 140.000 Euro für jeden nachhaltig vermittelten Jugendlichen …“

Weiter heißt es:

„… Manche Teilnehmende im Joblingeprogramm brauchen mehr Leitplanken als andere, um auf den beruflichen Weg zu kommen. Das ist sehr individuell. Oft geht es darum, einen Rohdiamanten zu schleifen. Das Ziel ist ein höchst möglicher Abschluss im dualen Ausbildungssytem und lernen später im Betrieb dann, wie unsere Kunden ticken.“

Organisation

Das Berufsausbildungsprogramm Joblinge ist als erstes Social-Franchise in Deutschland konzipiert worden. Die gemeinnützige Dachorganisation Joblinge e.V. verbreitet als Franchisegeber das Konzept, dessen Umsetzung in einem Kooperationsvertrag zwischen Niederlassungsort und Dachorganisation vertraglich geregelt ist. Die Joblinge-Standorte, die die Arbeit mit den Jugendlichen vor Ort verantworten, sind als gemeinnützige Aktiengesellschaften (gAG) aufgestellt. Die örtlichen Joblinge verpflichten sich in der Durchführung zur Einhaltung der verschiedenen Abläufe und Qualitätsstandards. Bestehende gAGs können ihren Wirkungsbereich durch die Eröffnung weiterer Standorte in der Region ausweitern. Die Dachorganisation koordiniert die bundesweite Initiative, steuert das Wachstum, unterstützt die Niederlassungen bei der Umsetzung und entwickelt das Konzept, das gebührenfrei vergeben wird, ständig weiter.

Formell haben sich die Standorte 2012 in der gemeinnützigen überregionalen Dachorganisation Joblinge e.V. zusammengeschlossen. Neben den Joblinge gAGs ist auch die Joblinge-Stiftung Gesellschafter der Dachorganisation. Während sich die Eberhard von Kuenheim Stiftung planmäßig nach der Pilotphase und der Gründung der Dachorganisation im Jahr 2012 aus der operativen Rolle zurückzog, leitet die Boston Consulting Group die Initiative weiterhin operativ als Teil ihres Social Impact-Engagements. Das Sozialunternehmen ist Mitglied im Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland.

Die Zusammenarbeit basiert auf vier Schwerpunkten:

1. Gewinnung der Teilnehmenden und gezielte Förderung der Jugendlichen

Die einzelnen Arbeitsagenturen und Jobcenter vor Ort vermitteln die jungen Menschen in das Joblinge-Programm. Das Personal bei den Joblingen soll sich eng mit den Ansprechpartnern der Bedarfsträger, gemeint sind hier die Partnerbetriebe, über die Förderung abstimmen, berichtet regelmäßig über die individuellen Entwicklungsschritte der Jugendlichen und die intensive Zusammenarbeit vor Ort soll jedem Jugendlichen eine sinnvolle Perspektive garantieren.

2. Die Finanzierung

Bei den Joblingen wird die öffentlich-private Kofinanzierung groß geschrieben. Die laufenden Kosten der einzelnen Standorte werden zu einem großen Teil von der öffentlichen Hand getragen. Je nach örtlichen Gegebenheiten engagieren sich Jobcenter, Agentur für Arbeit, Kommunen oder Länder finanziell. Für jeden Standort ist eine möglichst hohe öffentliche Förderung und Deckung der laufenden Kosten anzustreben. Konkret wurden im Jahr 2019 rund 4 Millionen Euro private Spenden und 9,51 Millionen Euro öffentliche Förderung von der Joblinge gAG eingenommen.

3. Die Einbindung in Netzwerke

An jedem Standort sollen sich Politiker und Vertreter der öffentlichen Hand auch persönlich als Schirmherr oder ehrenamtliches Mitglied im Aufsichtsrat engagieren. Joblinge ist daran interessiert, sich regional und überregional in Netzwerke und Arbeitsgruppen einzubringen, um „unseren Lösungsansatz gegen Jugendarbeitslosigkeit zu teilen, einen Beitrag zur Systematisierung des Übergangsystems zu leisten und Impulse zu setzen, die eine nachhaltige und messbare Integration von benachteiligten Jugendlichen in den ersten Arbeitsmarkt ermöglicht“.

4. Das Wachstum und die Weiterentwicklung

Joblinge sieht sich als eine lernende Organisation, die sich täglich weiterentwickeln und ständig wachsen soll. Dabei ist die öffentliche Hand auch hier ein wichtiger Partner. So wird beispielsweise durch die Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration das Modell der „Filialisierung“, d.h. dem Aufbau neuer Standorte unter dem Dach einer bestehenden Joblinge-gAG, eng mit Landesministerien zusammengearbeitet, die dann öffentliche Mittel für das Wachstumsmodell zur Verfügung stellen.

Programmaufbau

Zitat Joblinge:

„Das sechsmonatige Programm gliedert sich in vier Phasen:

  1. In der Aufnahmephase sollen die Teilnehmenden im Rahmen einer gemeinnützigen Projektarbeit ihre Motivation und Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen.
  2. Die Orientierungsphase dient der Berufsorientierung und Berufsfeldfindung sowie der Vermittlung von Schlüsselkompetenzen durch unternehmerische Gruppenprojekte, Trainings und ein Kultur- und Sportprogramm. Zudem erhalten die Teilnehmenden Unterstützung bei der Neustrukturierung der Lebensumstände (z. B. Schulden, Wohnsituation, Gesundheit und anderen persönlichen Themen).
  3. In der Praxisphase liegt der Fokus auf dem Qualifizierungspraktikum, in dem die erlernten Kompetenzen in der Praxis angewendet und erste Berufserfahrung gesammelt werden.
  4. In der Probephase können die Teilnehmenden ihre Fähigkeiten bei einem potentiellen Arbeitgeber unter Beweis stellen und sich ihren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz selbst erarbeiten.

Auch nach Beendigung des Programms und der Aufnahme in ein reguläres Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis bleibt Joblinge mit den Jugendlichen und den Unternehmen während der Anschlussphase in Kontakt. So will Joblinge das Ziel der nachhaltigen Vermittlung sicherstellen“.

Engagement in der Joblinge gAG Ruhr von folgenden Personen, Unternehmen und Institution

Schirmherr:

Garrelt Duin
Ehemaliger Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes NRW

Ehrenamtlicher Vorstand der gAG Ruhr:

Jens Baier
Senior Partner und Managing Director, The Boston Consulting Group

Ehrenamtlicher Aufsichtsrat der gAG Ruhr:

Friedrich P. Kötter (Aufsichtsratsvorsitzender) Geschäftsführer, Westdeutscher Wach- und Schutzdienst Fritz Kötter SE & Co. KG

Bärbel Bergerhoff-Wodopia (Stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende)
Vorstandsmitglied, RAG-Stiftung

Karola Geiß-Netthöfel
Regionaldirektorin, Regionalverband Ruhr

Nikolaus Graf von Matuschka
Vorstand, HOCHTIEF Solutions AG

Dr. Dirk Jannott
Partner, CMS Hasche Sigle

Peter Renzel
Stadtdirektor (Soziales, Arbeit und Gesundheit), Stadt Essen

Dirk Opalka
Geschäftsführer, Initiativkreis Ruhr

Dr. Rainer Strack
Partner and Managing Director, The Boston Consulting Group

Felix A. Wirtz 
Geschäftsführer, GELSENWASSER-Stiftung gGmbH

Aktionäre der JOBLINGE gAG Ruhr:
  • CMS Hasche Sigle Verwaltungs GmbH
  • KÖTTER Unternehmensgruppe
  • RAG-Stiftung
  • Stiftung TalentMetropole Ruhr gGmbH
  • The Boston Consulting Group GmbH (BCG)
  • TRIMET ALUMINIUM SE
Öffentliche Förderer:

Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen /Jobcenter

Partner der gAG Ruhr 2021:

Joblinge-Partner unterstützen die verschiedenen Standorte der gAG Ruhr mit Hilfe verschiedener Engagementformen: 

  • Alfried Krupp Krankenhaus
  • APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen GmbH
  • Brost Stiftung
  • CMS Hasche Sigle, gAG Ruhr
  • Contilia GmbH
  • Deutsche BP-Stiftung
  • Diakonisches Werk im Kirchenkreis Recklinghausen, Altenheime gGmbH
  • Emmi-Meixner-Stiftung c/o Deutsche Bank AG 
  • HVG Grünflächenmanagement GmbH
  • Maid Media
  • Malzers Backstube GmbH & Co. KG
  • Medion AGNICKEL Wirtschaftsprüfer Steuerberater
  • PAI partners
  • REDEVCO SERVICES DEUTSCHLAND GmbH
  • RGE Servicegesellschaft Essen mbH
  • RHZ Handwerkszentrum GmbH
  • Schauspiel Essen
  • Sparkasse Essen
  • Sparkasse Vest Recklinghausen
  • SSS Nelken GmbH
  • Stadtwerke Gelsenkirchen GmbH
  • Stiftung – Dein Zuhause hilft (Eine Initiative der LEG-Immobilien-Gruppe)
  • STIFTUNG „Alten-, Behinderten- und Jugendförderung der Sparkasse Essen“
  • ThyssenKrupp AG, Ruhr
  • TRIMET ALUMINIUM SE
  • unibail rodamco westfield
  • Verizon Business Group
  • Vivawest Dienstleistungen GmbH
  • VKJ Verein für Kinder und Jugendarbeit in sozialen Brennpunkten Ruhrgebiet e.V.
  • Volksbank Ruhr Mitte eG
  • Vonovia SE
  • rolfes.schierenbeck.associates GmbH

 

Ehrenamtlicher Aufsichtsratsvorsitzender der Joblinge gAG Ruhr ist Friedrich P. Kötter, Inhaber von Westdeutscher Wach- und Schutzdienst Fritz Kötter SE & Co. KG

Friedrich P. Kötter, der Inhaber des Essener Sicherheitsdienstleisters Kötter ist Aufsichtsratsvorsitzender von Joblinge. Kötter Services ist mittlerweile ein riesiges Unternehmen, das in den vier Sparten Security, Cleaning, Personal Service und Facility Services tätig ist. In Deutschland ist es mit mehr als 90 Niederlassungen an über 50 Standorten vertreten.
Die 17.600 Beschäftigten erwirtschafteten im Jahr 2020 einen Gruppenumsatz von 571 Millionen Euro.

Die Unternehmensgruppe Kötter gehört neben der RAG-Stiftung, der BCG, dem Initiativkreis Ruhr, der Kanzlei CMS und dem Essener Aluminium-Produzenten Trimet zu den Mitgründern Joblinge gAG Ruhr.

Nach Meinung von Fritz Kötter musste damals, als die Joblinge 2007 gegründet wurde, unbedingt etwas gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in der Region und dem Fachkräftemangel, getan werden. Auch in seinem Unternehmen werden gut ausgebildete Arbeitskräfte benötigt und er glaubt, dass die Joblinge gute Zukunftschancen bei ihm haben. Die Kötter-Gruppe bildet ihre Neuzugängejoblinge in einer eigenen Akademie weiter.

Für Fritz Kötter sind die Ursachen für die fehlenden Fachkräfte im System zu suchen und er lobt das Duale Ausbildungssystem über den grünen Klee. Die Abiturienten hätten das aber noch nicht verinnerlicht und würden lieber studieren, als eine Berufsausbildung anzustreben. Dabei würde eine Lehre für sie oft viel besser passen und das müsste auch in der Schule den jungen Menschen vermittelt werden.

Fritz Kötter war auch besonders froh, dass ihm in der Pandemie 126 neue Auszubildende zugewiesen wurden und betont stolz, dass 90 Prozent seiner Nachwuchskräfte ihre Ausbildung erfolgreich abschließen und über 80 Prozent übernommen werden.

Öffentlich finanzierte Berufs- und Arbeitsvorbereitung zur privaten Verwertung der Arbeitskräfte

In ihrer Öffentlichkeitsarbeit verkaufen die Macher von Joblinge ihr Projekt als volkswirtschaftliches Gemeingut und werden dann schnell sehr lyrisch. Es wird vom Schleifen eines Rohdiamanten gesprochen und dass die jungen Menschen zu aktiven Mitgliedern der Gesellschaft gemacht werden. Anstatt Leistungen zu empfangen, zahlen sie Steuern und Sozialbeiträge, so sind die öffentlich geförderten Programmkosten schon nach relativ kurzer Zeit wieder eingespielt.

Vom Profit, den die geschliffenen Rohdiamanten den beteiligten Unternehmen einbringen, wird natürlich nicht geredet und gehört auch nicht zur Kommunikation einer Unternehmensberatung aus den USA, die sich massiv in die hiesige Berufsausbildung einmischt.

 

 

 

 

 

Quellen: joblinge.de, Kötter, WAZ, Jobcenter nrw
Bild:Joblinge