IG Metall kämpft für VW, holt ein Plus von neun Prozent heraus!

Hochfliegende Transformationspläne in der deutschen Autoindustrie. Leitlinie: Dem Profitstreben müssen alle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.

Von Suitbert Cechura

Der Aufsichtsrat von VW hat sich am 3. September mit den Stimmen der Gewerkschaftsvertreter/innen auf den Zukunftsplan des Vorstands verständigt, also dessen Verabschiedung den Weg geebnet (auch wenn danach gleich der Kampf um die Deutungshoheit losging). Aber Achtung, damit will die IG-Metall nicht für die eigenen Mitglieder bei VW eine Erhöhung der Löhne um neun Prozent durchsetzen.

Sie will vielmehr daran mitwirken, dass sich die Umsatzrendite bei VW von drei auf neun Prozent erhöht. Hier die Erfolgsmeldung, die die Gewerkschaft verbreitet: „Das Transformationsprogramm hat finanzielle Ziele. Kern dabei ist, dass der Konzern 2030 eine Umsatzrendite, also Gewinnkraft, von 9 Prozent erreichen möchte (jüngst im Jahr 2025 waren nur knapp 3 Prozent zusammengekommen). Für einen solchen Hub auf 9 Prozent müssten einerseits die Kosten runter und andrerseits auch die Investitionen sinken. Dann steigen die Chancen, das von 100 Euro Umsatz künftig 9 Euro übrigbleiben und nicht mehr nur knapp 3 Euro wie zuletzt.“

Die Vertreterinnen der IG Metall haben im Aufsichtsrat von VW diesem Anliegen zugestimmt. Dabei trieft in dem Beispiel schon die Rechnungsweise vor Verständnis fürs hemmungslose Profitstreben, dem man ja sonst mit gewissen Bedenken entgegentritt.

Es bleiben bislang nämlich nicht von jedem Umsatz bloß drei Euro übrig, sondern es fließen dem Unternehmen nach jeder Investition 103 Euro zurück. Das mag bei der Sparkasse als Zins für Festgeld genügen und zur Zeit ein attraktives Angebot für den kleinen Mann und seine Frau darstellen. Aber Kapitalisten, die ihr Geld anlegen, genügt eine solche Verzinsung nicht. Es geht auch nicht einfach um eine Gewinnerhöhung von ein paar Prozentpunkten, sondern um die Verdreifachung des Gewinns.

Für Investoren ist VW eben eine Geldanlage wie jede andere, sei es der Kauf einer Immobilie oder eine Kreditvergabe. Wo das Geld angelegt werden soll, entscheiden die Gewinnaussichten. Und so gilt eine Rendite von drei Prozent als eine Katastrophe und stellt sich für das Unternehmen der Zwang ein, andere Gewinnaussichten zu übertrumpfen, damit VW auch in Zukunft über reichlich Kredit verfügt – und munter investieren kann, um andere aus dem Markt zu verdrängen (die dann mit ihren Belegschaften hart ins Gericht gehen müssen).

Sozialpartnerschaft vom Feinsten

Bemerkenswert, hier hat man es mit einem Anliegen zu tun, dem sich die Vertreterinnen der Gewerkschaft nicht verschließen wollen. Neun Prozent für die eigenen Mitglieder käme in ihren Augen nie in Frage, für die Nichtmitglieder von der Kapitalseite gleichwohl, obwohl sie keine Gewerkschaftsbeiträge zahlen. Denn auch die Sozialpartner von der Gewerkschaftsführung wissen um den Gegensatz von Kapital und Arbeit, wenn es um die Sicherung der Unternehmensgewinne geht. Schließlich stehen Löhne im Gegensatz zum Interesse der Kapitalseite, sie sind Kosten, die die Gewinnrechnung belasten. Die muss aber entlastet werden (und nicht eine stressgeplagte Belegschaft): „Für den Weg dorthin wird der Vorstand ein Programm auflegen, dass er ‚Operative Exzellenz‘ nennt und das alle Kostenarten angehen wird – zum Beispiel auch Material- und Vertriebskosten. Ein großer Posten davon sind aber auch die sogenannten Gemeinkosten, zu denen wiederum die Personalkosten gehören. Aus der angestrebten Reduzierung dieser Gemeinkosten beziehungsweise Personalkosten ergibt sich rechnerisch das Vorhaben, auf 50.000 zusätzlich abzubauende Stellen kommen zu wollen.“

Die Gewerkschafterinnen verweisen in dem Zusammenhang darauf, das der Vorstandschef Oliver Blume gesagt haben soll, die 50.000 abzubauenden Stellen seien „keine Zielgröße, sondern eine theoretische Rechengröße – abgeleitet aus den Kosten.“ Das soll die Betroffenen offenbar beruhigen, obgleich der Vorstand keinen Zweifel daran gelassen hat, dass er aus dieser Rechengröße sehr praktische Konsequenzen zur Steigerung der Profitabilität ableitet. Das ist natürlich abgehakt, vorgeworfen hatte die IG Metall-Vorsitzende Christiane Benner dem Vorstandschef Oliver Blume dagegen noch vor der Vorstandsitzung, eine verfehlte Kommunikationspolitik zu betreiben: „Die war bislang schlecht, denn es wurden einfach weitere Abbauzahlen und Werkschließungen in den Raum gestellt. Dabei haben wir schon 2024 vereinbart, dass 50.000 Stellen ohne betriebsbedingte Kündigungen sozialverträglich abgebaut werden.“

Da macht es schon einen wesentlichen Unterschied in den Augen der IGM-Chefin, wenn die Ankündigung weiterer 50.000 Entlassungen als eine reine Rechengröße verkauft wird. Doch Entlassungen zur Steigerung der Profite zeugen in den Augen maßgeblicher DGB-Funktionäre eben nicht vom Gegensatz von Kapital und Arbeit, wenn und solange diese in Form von Abfindungen unter Mitwirkung der Gewerkschaft erfolgen. Dabei erweist sich auch der Sozialstaat als sehr hilfreich. Schließlich kalkuliert der Betrieb seine Abfindungen unter Ausnutzung aller sozialstaatlichen Regelungen. Denn bei einem Aufhebungsvertrag in beiderseitigem Einvernehmen unter Wahrung der Kündigungsfrist wird der Arbeitnehmer entweder arbeitslos oder frühverrentet oder beides. Das heißt in jedem Fall, dass der so Entlassene erhebliche Einkommenseinbußen hinzunehmen hat.

Diese Einbußen abzumildern ist das Ziel der Abfindungen, die den Schaden aber nicht vollständig kompensieren. Deshalb heißen sie auch so, die Betroffenen sollen sich mit dem geschmälerten Einkommen abfinden. Mögen die Abfindungen im Einzelfall sich auch auf große Summen belaufen – sie sind ja verteilt auf viele Jahre, in denen diese Einbußen stattfinden –, so stellen sie doch keinen Ausgleich des Einkommensverlustes her. Dennoch gilt diese Form der Entlassung als eine Art Königsweg der Sozialpartnerschaft zwischen Kapital und Arbeit, auf den die Gewerkschaften sehr stolz sind. Deswegen geben sie sich auch kämpferisch, wenn die Politik mit Abschaffung der Frührente ihr aktuelles Reformwerk betreibt.

Was die weiteren Entlassungen und die Abwicklung der Werke Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau anbetrifft, ist die Gewerkschaft aber alles andere als kämpferisch: „Die Beschlüsse vom Donnerstag brachten wie erwartet noch keine Entwarnung für Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau. Denn Fakt ist einerseits, dass der Vorstand allen vier Werken akute Wettbewerbsnachteile attestiert und daher nach jetzigem Stand nicht vorhat, sie ab den Jahren 2031 bis 2034 mit Folgeprodukten zu berücksichtigen. Fakt ist allerdings ebenfalls: Der Umstand fehlender Folgeprodukte ist noch längst nicht beschlossene Sache – denn der Aufsichtsrat hat diesen Punkt im Zukunftsplan des Vorstands lediglich ‚zur Kenntnis genommen‘. Das Kontrollgremium hat also der fehlenden Folgebelegung weder zugestimmt noch seine Unterstützung dafür erklärt. Das schafft zwar keine Sicherheit für die vier Werke, aber es hält den Weg offen, Lösungen zu finden.“ (IG Metall bei Volkswagen)

Einspruch dagegen haben die Arbeitnehmervertreterinnen im Aufsichtsrat auch nicht erhoben. Dass VW die einzelnen Betriebe und damit auch die Belegschaften gegeneinander ausspielt, ist für die Gewerkschaft kein Grund, dagegen die Solidarität aller Betriebe zu mobilisieren. Hier könnte der Zusammenhalt aller Belegschaften ja etwas bewirken. Zudem will VW die Anlagen in den Betrieben noch einige Zeit weiterfahren, bevor sie vollständig abgeschrieben werden. In dieser Zeit werden die dort Beschäftigten noch gebraucht, könnten also mit Arbeitsverweigerung drohen, um für sich noch möglichst viel herauszuholen, bevor sie abgewickelt werden. Doch ein solcher Gedanke liegt den obersten Gewerkschaftsvertreterinnen fern. Stattdessen behaupten Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo und IG Metall-Vorsitzende Benner: „Kein Werk wurde aufgegeben und entgegen mehreren Medienberichten ist keine Werkschließung besiegelt. Vielmehr müssen jetzt für alle Standorte konkrete Lösungen erarbeitet werden…“ (IG-Metall bei Volkswagen)

Einfach auf Krieg vorbereiten…

Wie diese aussehen können, demonstrieren VW-Vorstand und Gewerkschafterinnen einvernehmlich in Osnabrück: „Aus dem VW-Werk in Osnabrück soll ein ‚Kompetenzzentrum für Verteidigung‘ werden… Das neue Kompetenzzentrum soll demnach wie folgt aussehen: Das Land Niedersachsen und der Finanzinvestor Aurelius Capital mit Hauptsitz Tel Aviv planen gemeinsam mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael Advanced Defence Systems ein erstes Projekt im Bereich Luftverteidigung. Weitere industrielle Partnerschaften sollen folgen… VW-Chef Oliver Blume ist angereist, um die Neuigkeiten persönlich zu verkünden. Genauso wie die IG Metall-Chefin Christiane Benner, Betriebsratschefin Daniela Cavallo…“ (SZ, 8.9.2026: „Rüstung statt Autos“)

So sieht eben das Transformationsprogramm von VW aus, an dem die IG Metall unbedingt mitwirken will. Auch mit Rüstung und Krieg lassen sich Geschäfte machen. Da ist es nicht schwer, Investoren zu finden, die bereit sind, die Herstellung von Destruktivkräften zu finanzieren. Vorausgesetzt, es lassen sich staatliche Stellen finden, die wie das (im VW-Aufsichtsrat vertretene) Land Niedersachsen für die Garantie sorgen, dass das deutsche Verteidigungsministerium diese Güter abnimmt und die Sache ein Bombengeschäft wird. Da dürfen IG Metall-Funktionärinnen oder Funktionäre nicht fehlen, denn gegen einen Krieg gegen die Kollegen im Osten haben sie offenbar nichts einzuwenden. Schließlich schaffen Rüstung wie Bundeswehr Arbeitsplätze, nach deren Zweck Gewerkschaftsfunktionäre nicht fragen – sondern die sie eher als notwendigen Verteidigungsbeitrag absegnen. So lässt sich die Kriegsvorbereitung als Arbeitsplatzrettung verkaufen, auch wenn gar nicht alle Beschäftigten dort übernommen werden:

„Ziel sei jedoch, den Standort größtenteils langfristig zu erhalten, heißt es. Die Beschäftigten sollen größtenteils bleiben. Dem Betriebsrat zufolge, bietet das neue Unternehmen etwa 75 Prozent der VW-Arbeitsplätze eine Zukunft: Knapp 1400 der derzeit insgesamt 1800 Beschäftigten können wohl weiterhin dort arbeiten. Für die übrigen Beschäftigten werde ‚weiter mit Hochdruck an einer Perspektive am Standort gearbeitet‘, heißt es in der Mitteilung des Betriebsrats… Bis Ende 2029 gelte zudem für 1200 Stellen ein Beschäftigungssicherung.“ (SZ)

Beschäftigungssicherung für die Kollegen bedeutete für die IG Metall ja nicht einfach Erhalt des Status quo. Sie nimmt für dieses Ziel meist Lohnkürzungen in Kauf und hat das auch im vorliegenden Fall getan. Der Arbeitsplatz war für die Kollegen eben nicht sicher, wie die Zahl 1200 beweist. Offenbar hatte die IG Metall ein Drittel der Belegschaft schon lange abgeschrieben. Wenn sie nun wieder betont, dass an einer Perspektive für die übrigen gearbeitet werde, dann wollen sich die Damen und Herren von der Arbeitervertretung offenbar nicht festlegen. Vielleicht besteht die Perspektive dann aus einem Besuch beim Arbeitsamt?

Bei einer derartigen Interessenvertretung stellt sich doch glatt die Frage, wozu Arbeiter und Arbeiterinnen einen solchen Verein brauchen. Diese Frage stellen sich auch zunehmend Gewerkschaftsmitglieder, die jetzt in einem Offenen Brief an den IG Metall-Vorstand geschrieben haben, dass der sozialpartnerschaftliche DGB-Kurs ihren Arbeitsalltag komplett ignoriert: „Wir erleben in unserem Betrieb jeden Tag, dass wir in einer Klassengesellschaft leben“. Und linke Gewerkschaftskreise konstatieren, dass selten von KollegInnenseite so deutlich und drastisch mit der Feststellung reagiert wurde: Unsere Gewerkschaftsführung befindet sich auf der Seite der Kapitalisten. Frau Benner reagierte auf die empörten Kolleginnen übrigens mit dem Appell, die Debatte intern zu führen…

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Der Autor:

Suitbert Cechura ist Hochschullehrer für Sozialmedizin im Ruhestand. Buchveröffentlichungen u.a.: „Kognitive Hirnforschung – Mythos einer naturwissenschaftlichen Theorie menschlichen Verhaltens“ (2008), „Inklusion – das Recht auf Teilhabe an der Konkurrenz“ (2015), „Unsere Gesellschaft macht krank – Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit“ (2018)

 

 

 

 

 

Bild: IGM