Die Ideologie der Privatisierung gesellschaftlicher Ebenen hat schon lange den dritten Sektor der Volkswirtschaft, die Bildungs-, Sozial- und Gesundheitseinrichtungen bzw. den Care-Bereich erreicht, mit fatalen Folgen für die Menschen, die dort arbeiten. Die Beschäftigten mussten und müssen ungeheuerliche Veränderung über sich ergehen lassen, die nicht nur Auswirkungen auf die tag tägliche Arbeit haben, sondern ihre gesamte Lebenssituation beeinflussen.
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist ein milliardenschweres Monopoly-Spiel im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich gestartet worden. Komplette Einrichtungen werden geschlossen oder rutschen in die Insolvenz, weil sie nicht den erwarteten Gewinn erwirtschaften. Zur gleichen Zeit sind im Rahmen weiterer Konzentration auf dem Care-Markt gigantische Fusionen entstanden und von Private-Equity-Finanzinvestoren werden Einrichtungen des Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereichs finanziell ausgesaugt.
Im Care-Bereich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Menge getan, einzelne Sparten haben sich unterschiedlich entwickelt, es herrschen noch überwiegend Wildwestmethoden vor und dass die Care-Arbeit entlohnt oder sogar tarifgemäß entlohnt wird, ist die Ausnahme.
Care-Arbeit unterscheidet sich von den meisten Bereichen der Industrie, in denen starke Gewerkschaften großen, einheitlich agierenden Unternehmerverbänden gegenüberstehen und Tarifverträge für ganze Branchen aushandeln. Dagegen ist in der Care-Arbeit die Landschaft der Arbeitsbeziehungen institutionell und regional zersplittert. Dies führt zu unterschiedlichen Arbeitsbedingungen in diesem Sektor und behindert eine gewerkschaftliche Organisierung der Beschäftigten.
Care-Arbeit
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP – ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung von Privathaushalten in Deutschland) beziffert den Wert von unbezahlter Care-Arbeit in Deutschland auf insgesamt 1,2 Billionen Euro.
- Der Großteil der unbezahlten Care-Arbeit wird von Frauen erledigt.
- Frauen verbringen im Durchschnitt knapp 30 Stunden pro Woche mit unbezahlter Arbeit für Pflege, Betreuung und Haushalt, Männer knapp 21 Stunden. Damit leisten Frauen 44,3 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer – also fast doppelt so viel.
- Von insgesamt 117 Milliarden Stunden Care-Arbeit werden 72 Milliarden von Frauen übernommen. Das entspricht knapp 62 Prozent.
- Frauen bringen unter anderem für Kinderbetreuung, Haushalt und Pflege weitaus mehr Zeit auf als ihre Partner. Männer hingegen investieren demnach lediglich bei Gartenarbeit und Reparaturen mehr Zeit als Frauen.
- Im privaten Kontext wird Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege überwiegend unentgeltlich geleistet. Schätzungen zufolge hat diese unbezahlte Arbeit in Deutschland jedoch einen jährlichen Gegenwert von 500 bis über 825 Milliarden Euro.
- Würde die private Betreuungs- und Pflegearbeit durchschnittlich entlohnt, entspräche das einem jährlichen Wert von etwa 1,2 Billionen Euro und es käme ein fiktives Jahresgehalt von etwa 60.000 bis 70.000 Euro zustande.
- Wenn Care-Arbeit in Form von Erwerbsarbeit (z. B. in der Altenpflege, Erziehung oder als Haushaltshilfe) geleistet wird, ist sie oft unterdurchschnittlich bezahlt. Diese Berufe sind strukturell von schlechterer Bezahlung und hoher körperlicher Belastung geprägt.
- Auch wenn Care-Arbeit gegen Lohn geleistet wird, wie in erzieherischen und pflegerischen Berufen, liegt die Bezahlung häufig unter der für Tätigkeiten, die mehrheitlich von Männern geleistet werden
und die größtenteils von Frauen ausgeübten Care-Berufe erhalten weiterhin nicht die Anerkennung, die ihrer „Systemrelevanz“ entspricht.
Lohnarbeit
Der Arbeitslohn ist der Preis einer bestimmten Ware, in unserem Fall ist die bestimmte Ware die Arbeitskraft. Der Arbeitslohn wird durch dieselben Gesetze bestimmt, die den Preis jeder anderen Ware bestimmen. Da ist z.B. die Konkurrenz, die findet zwischen den Verkäufern einer gleichen Ware statt, welche den Preis der Ware drückt und es findet eine Konkurrenz zwischen den Käufern statt, welche den Preis hebt. Ebenso herrscht Konkurrenz zwischen Verkäufern und Käufern, dessen Resultat durch die Konkurrenz in den einzelnen Gruppen bestimmt wird.
Wenn die Zufuhr einer Ware schwächer als ihre Nachfrage ist, findet nur eine geringe oder gar keine Konkurrenz unter den Verkäufern statt. Im gleichen Verhältnis, wie diese Konkurrenz abnimmt, wächst die Konkurrenz unter den Käufern. Das Resultat ist, dass die Warenpreise mehr oder weniger steigen.
Doch findet häufiger der umgekehrte Fall mit umgekehrtem Resultat statt. Gibt es einen bedeutenden Überschuss der Zufuhr einer Ware über der Nachfrage, kommt es zur verzweifelten Konkurrenz unter den Verkäufern. Der Mangel an Käufern führt zum Losschlagen der Waren zu Spottpreisen.
Produktionskosten der Arbeitskraft
Der Arbeitslohn wird durch dieselben Gesetze geregelt, welche den Preis der Waren im Allgemeinen regeln. Der Arbeitslohn bewegt sich nach dem Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr, je nachdem sich die Konkurrenz zwischen den Käufern der Arbeitskraft, den Unternehmen und den Verkäufern der Arbeitskraft, den Beschäftigten, gestaltet. Den Schwankungen der Warenpreise im Allgemeinen entsprechen auch die Schwankungen des Arbeitslohns. Innerhalb dieser Schwankungen aber wird der Preis der Arbeit bestimmt sein durch die Produktionskosten, durch die Arbeitszeit, die erforderlich ist, um die Ware, hier die Arbeitskraft, hervorzubringen. Die Produktionskosten der Arbeitskraft sind jene Kosten, die ermittelt werden, um die Arbeitskraft als Arbeitskraft zu erhalten und um sie zur Arbeitskraft auszubilden.
Wenn eine Arbeit weniger Bildungszeit erfordert, sind auch die Produktionskosten der Arbeitskraft geringer, umso niedriger ist ihr Arbeitslohn. In Arbeitsbereichen, in denen fast gar keine Ausbildung erforderlich ist und die bloße leibliche Existenz der Arbeitskraft genügt, beschränken sich die zu seiner Herstellung erforderlichen Produktionskosten fast nur auf die Waren, die erforderlich sind, um den Beschäftigten am arbeitsfähigen Leben zu erhalten. Der Preis seiner Arbeit wird daher durch den Preis der notwendigen Lebensmittel bestimmt, den Existenz- und Fortpflanzungskosten der Arbeitskraft oder dem „Minimum des Arbeitslohns“.
Beschäftigungssektor Care-Arbeit und Lohnarbeit
Care-Arbeit zielt auf Lebensqualität, auf die soziale, gesundheitliche und pflegerische Versorgung von und durch Menschen ab. Sie ist eingebettet in die Organisationsform sozialer Dienste in der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswirtschaft. Immer mehr Teilbereiche des Care wurden in den vergangenen Jahrzehnten in die Verwertungslogik des Kapitals einbezogen und zum Gegenstand von Profiterzeugung gemacht.
Unternehmen halten sich zurück
Der Unterschied zu anderen Beschäftigungssektoren besteht darin, dass die Care-Arbeit wichtig für das Wirtschaften insgesamt ist, da sie erst die Erwerbstätigkeit vieler Menschen ermöglicht und so die Voraussetzungen für die Produktion überhaupt schafft. Der Staat hat die Investition in die Voraussetzungen übernommen, die aus den Steuern und Abgaben generiert werden. Die Unternehmen halten sich dabei vornehm zurück, weil solche Ausgaben den Profit verringern und Investitionen in den Care-Bereich sich erst in vielen Jahren rentieren.
Sachbezogene Produktionsarbeit und interpersonale Reproduktionsarbeit
Die Tätigkeitsweisen von sachbezogener Produktionsarbeit und interpersonaler Reproduktionsarbeit sind jedoch völlig unterschiedlich. So unterliegt die auf der Schaffung von Waren gerichtete Lohnarbeit einer Zeitsparlogik, nach der in immer kürzerer Zeit immer mehr aus der Arbeitskraft herausgeholt wird, während die auf Personen gerichteten Care-Tätigkeiten sich mehr auf eine Zeitverausgabungslogik ausrichten, also sich Zeit nehmen für den Aufbau und die Pflege interpersonaler Beziehungen.
In öffentlich-rechtlichen Einrichtungen wie Kitas und Jugendeinrichtungen oder nichtprivatisierten Krankenhäusern und Pflegeheimen wird nicht für den Profit im Sinne der privaten Bereicherung von Unternehmern und Shareholdern gearbeitet. Bei den Unternehmen des öffentlichen Sektors gelten aber auch in Wirtschafts- und Finanzplänen ausgearbeitete Geldrechnungen, die verfügbare Einnahmen und Erträge, die den im Betrieb anfallenden Kosten gegenüberstehen. Dabei ist es egal, ob die Einnahmen direkt von den Kunden der betreffenden Dienstleistung, aus einer Sozialkasse, aus einem von der Kommune zur Verfügung gestellten Budget oder aus irgendeiner Mischung daraus stammen. Nicht egal ist, dass der Lebensunterhalt, der in den Einrichtungen tätigen Menschen ganz selbstverständlich auf die Seite des notwendigen finanziellen Aufwandes fällt, der möglichst gering zu halten ist.
Personalkosten haben speziellen Stellenwert
Für die Unternehmen im Care-Bereich gilt, dass ihre Personalkosten einen im Vergleich zu allen anderen laufenden Kosten sehr speziellen Stellenwert haben. Die Unternehmen verschaffen sich mit den Lohn- bzw. Gehaltszahlungen die zeitweise Verfügung über das Arbeitsvermögen ihrer Beschäftigten, konkret die Freiheit, sie gemäß ihren Betriebskalkulationen zu beanspruchen. Sie legen fest, was ihre Arbeitskräfte in einem vorgegebenen Zeitrahmen zu erledigen haben. Auch im Care-Bereich verbessert eine gesteigerte Arbeitsleistung das Verhältnis von Arbeitskosten zu den erwirtschafteten Einnahmen der Einrichtung bzw. entlastet deren knappes Budget.
Maßnahmen zur Kostensenkung
Als typische Eigenarten der Lohn- und Leistungsanforderungen in den Care-Berufen kommen noch ein paar Besonderheiten hinzu. Zum einen lassen die Unternehmen des Care-Sektors ihre Beschäftigten spüren, dass der Charakter der Tätigkeiten von Care-Beschäftigten nur sehr eingeschränkt den Methoden zur Steigerung der Arbeitsproduktivitätdurch den Einsatz moderner Technik zugänglich ist. Diese Techniken werden in der allgemeinen Arbeitswelt überall dort eingesetzt, wo das insgesamt eine relative Kostensenkung und damit vergrößerte Überschüsse für das Unternehmen verspricht. An dessen Stelle kommen im Care-Sektor andere Maßnahmen umso mehr in Betracht, die in der Ökonomie des Kapitalismus äquivalente Wirkungen für ein profitables Unternehmen versprechen. Solche Maßnahmen enthalten intensiveres und schnelleres Arbeiten, Ausdehnung der Tages- oder Wochenarbeitszeit oder kreative Beschäftigungsformen von Leiharbeit bis zur Ausnutzung besonders erpressbarer Menschen aus Osteuropa mit fraglichem Rechtsstatus zum Zwecke der Lohnsenkung.
Preis des eigenen Angebots politisch vorgeschrieben
In vielen Fällen kommt noch eine politökonomische Besonderheit des sozialen Sektors zum Tragen, für die ebenfalls die dort Beschäftigten haftbar gemacht werden: Die entsprechenden Einrichtungen genießen in ihrer Betriebsrechnung oft nicht die gleiche Freiheit wie Unternehmen anderer Branchen, da sie nur eingeschränkt über den Preis ihres eigenen Angebots konkurrieren können. Der Preis ihres eigenen Angebots wird ihnen (in Teilaspekten oder vollständig) politisch vorgeschrieben, z.B. in Form von mit Sozialversicherungen ausgehandelten Pauschalen für medizinische Behandlungen oder Pflegeleistungen. Gleichzeitig betreiben diese Einrichtungen ihre Geld- bzw. Überschussrechnungen zu großen Teilen auf Basis einer politisch sichergestellten Kaufkraft, die der Sozialstaat selbst organisiert. Die Kaufkraft ist aber notorisch beschränkt, weil der Staat die entsprechenden Kosten aus seinen eigenen Gründen so niedrig wie möglich halten will. Zur Optimierung des Verhältnisses von Ausgaben und Einnahmen bleibt für die Care-Betriebe die variable Stellschraube der Preis- und Leistungsgesichtspunkte des Faktors Arbeit in der Betriebsrechnung.
Staatliche Intervention
Der Staat besteht darauf, dass die Kosten z.B. für die Gesundheitsversorgung, aus der auch die Gehälter der Beschäftigten im Krankenhaus bezahlt werden, im Großen und Ganzen aus den Bestandteilen des nationalen Gesamtlohns zu finanzieren sind. Im Gesundheitsbereich geschieht das durch die Krankenkassen, die den nationalen Gesamtlohn in Form von Zwangsbeiträgen von ihm einbehalten und verwalten.
Der Staat garantiert, dass er eine ausreichende Versorgungsleistung für die Gesundheit der Bevölkerung sicherstellt, zugleich ist er auf die Finanzierbarkeit bedacht. Er passt darauf auf, dass die Abzüge nicht zu hoch sein dürfen, weil das vom Lohn als Lebensmittel zu wenig übrig läßt oder ihn als Preis der Arbeit zu sehr verteuern würde. Mit dieser doppelten Zwecksetzung aus Versorgung und Bezahlbarkeit erweist der Staat insbesondere der lohnabhängigen Mehrheit seiner Bevölkerung einen unverzichtbaren Dienst. Ihr Lohn verträgt nicht zu hohe Abzüge, damit würde auch ohne ihre Krankenversicherung das Geld für fällige Therapien fehlen und den Verdienstausfall, den ihre (zeitweilige) Krankheit für sie bedeutet, können sie sich erst recht nicht leisten. Auch so ist im Arbeitsumfeld sozialer, menschennaher Dienste ein deutlicher Hinweis auf die klassische Lohnarbeit enthalten.
Aussetzung der Tariflohnrefinanzierung am Beispiel Pflegebereich
Die durchschnittlichen Stundenlöhne in der Pflege sind 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 4,9 Prozent auf 23,70 Euro gestiegen und sollten zur Aufwertung der Arbeit der Pflege beitragen. Im Pflegebereich müssen bislang die Pflegekassen die Tariflöhne refinanzieren, das ist der Kern des Systems. Nun soll die Tariflohnrefinanzierung ausgesetzt und die Einrichtungen gezwungen werden, Tariferhöhungen aus eigener Tasche zu zahlen. Die aber meinen, dies nicht leisten zu können und drohen mit Schließung ihrer Einrichtung oder mit dem Insolvenzantrag.
Bei diesem kurzsichtigen Sparprogramm der Bundesregierung wird deutlich, dass Leistungen gestrichen und die soziale Absicherung pflegender Angehöriger ausgedünnt werden sollen, um dem Staat Milliarden zu sparen.
Das trifft vor allem Frauen, die schon jetzt zwischen Teilzeit, Erwerbslücken und unbezahlter Sorgearbeit zerrieben werden und ein hohes Armutsrisiko eingehen müssen.
Hinweis auf die klassische Lohnarbeit
Bei der Ausgestaltung der Lohnarbeitsverhältnisse in den beiden Sektoren (öffentlich-rechtliche Einrichtungen bzw. profitorientierte Einrichtungen) können sie wechselseitig als Vorbilder füreinander dienen. So orientieren sich nicht selten auch Privatunternehmen am im TVöD festgeschriebenen, vergleichsweise niedrigeren Lohnniveau des öffentlichen Dienstes, das mit dem Verweis auf eine höhere Arbeitsplatzsicherheit gerechtfertigt wird oder staatliche und öffentliche Stellen schauen sich bei der privaten Wirtschaft ab, wie die Arbeit ihrer Beschäftigten für sie leistungseffizienter und kostengünstiger zu gestalten ist, manchmal auch umgekehrt. Bei einigen Berufen existieren sogar beide Arten der Unternehmens-Geldrechnungen parallel nebeneinander. Beim Beruf der Krankenschwester z.B. macht es für den Charakter der Erwerbsquelle keinen Unterschied, ob sie mit ihrer Care-Arbeit eine Krankenhausgesellschaft und deren Investoren bereichert oder ob sie als Angestellte einer Klinik in öffentlicher oder kirchlicher Trägerschaft mit ihrer Arbeit, die in beiden Fällen möglichst lang und arbeitsintensiv ausfallen muss, dafür haftbar gemacht wird, den Kostenplan des Krankenhauses einzuhalten.
Mehr und mehr wird Care auch als Lohnarbeit verausgabt werden, wodurch diese jedoch entgegen ihrer bedürfnisorientierten Beziehungsweise einem Zeitsparregime wie Fallpauschalen oder Zeitbudgets unterworfen wird, was sie sukzessiv dehumanisiert.
Leiharbeit wird attraktiv und breitetet sich aus
Nach offiziellen Angaben waren in den „Coronajahren“ an vielen Orten die Intensivbetten in den Krankenhäusern belegt. Zwar gab es noch viele für die Intensivmedizin mit modernsten Mitteln ausgestattete Betten, nicht aber das Fachpersonal für die Intensivpflege, 3.500 bis 4.000 Fachkräfte fehlten in der Intensivpflege. Gleichzeitig sollen sich jeden Monat des vergangenen Jahres mehrere Tausend Pflegekräfte in den Krankenhäusern mit Corona infiziert haben.
Diese Situation hat dazu geführt, dass sich die Leiharbeit in den Krankenhäusern weiter ausbreitete und bisher Gültiges umkehrte: Das Stammpersonal ging zu einer Leiharbeitsfirma, weil es dort höher bezahlt und die Arbeitsbedingungen besser waren. Immer mehr Leiharbeitsagenturen weigerten sich, dass ihre Pflegekräfte auf Stationen arbeiteten, in denen die Gefahr bestand, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und auch die Leiharbeitskräfte wollten zunehmend von sich aus nicht mehr auf einer Covid-19-Station eingesetzt werden. Die Krankenhäuser konnten die Leiharbeitskräfte gar nicht mehr einplanen, weil diese sich auf dem Pflegemarkt bestimmte Schichten und Stationen aussuchten und immer öfter kurzfristig ihren Einsatz absagten.
Diese Entwicklung war dem jahrelangen Personalabbau geschuldet, um die Kliniken markttauglich und rentabel für ihre Betreiber zu machen.
Wirtschaftliches Resourcendenken und das Geld-Hilfe-Geld Verhältnis als neue Formen von Entfremdung und Verdinglichung
Die Beschäftigten im Care-Bereich als sozialtätige Subjekte erleben die neuen gesetzlichen Auflagen der Bürokratie, das wirtschaftliche Resourcendenken in den Unternehmen und das Geld-Hilfe-Geld Verhältnis zwischen ihnen und ihren Klienten als neue Formen von Entfremdung und Verdinglichung.
Die erlebte Entmündigung führt in der Berufspraxis dann häufig zu spontanen und situativ ausgerichteten Widerständen, die schnell regelmäßig in nicht steuerbare Konfliktsituationen münden.
Da der Konkurrenzkampf auch unter den Beschäftigten herrscht, wird der Konflikt von allen Beteiligten schnell individualisiert, denn dort wo der Markt herrscht, herrscht auch die Vorteilsnahme auf Kosten anderer Menschen. Es gilt der Wettbewerb, Konkurrenz und die brutale Durchsetzung von Eigeninteressen, als Voraussetzung für persönlichen und wirtschaftlichen Erfolg. Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit gewinnen die Oberhand. Mitgefühl, Empathie, Kooperation und Solidarität sind fehl am Platz. Das gesamte Kommunikationssystem im Arbeitsprozess kommt ins Wanken.
Alles was den Beschäftigten früher als Kleinkinder von der Familie oder in den pädagogischen Einrichtungen und auch in ihrer Fachausbildung als Norm vermittelt wurde, steht nun den tatsächlichen Rahmenbedingungen, Normen und Werten und sogar Gesetzen entgegen. Sie empören und schämen sich, wenn berechtigte Interessen oder Ziele der ihnen anvertrauten Menschen nicht berücksichtigt werden, deren Gefühle verletzt und ihnen in der Not Hilfen verweigert werden.
Werden die Beschäftigten einem solchen Kommunikationsmuster mehr und mehr ausgesetzt, erkranken sie zwangsläufig und können den Beruf nicht mehr ausüben.
Arbeitsbeziehungen institutionell und regional zersplittert
Weiter unterscheidet die Care-Arbeit sich von den meisten Bereichen der Industrie, in denen starke Gewerkschaften großen, einheitlich agierenden Unternehmerverbänden gegenüberstehen und Tarifverträge für ganze Branchen aushandeln. Dagegen ist in der Care-Arbeit die Landschaft der Arbeitsbeziehungen institutionell und regional zersplittert. Dies führt zu unterschiedlichen Arbeitsbedingungen in diesem Sektor.
Ausblick:
Care-Arbeit wird auch in Zukunft wichtig für die Unternehmerschaft in unserem Wirtschaftssystem insgesamt sein, da sie erst die Erwerbstätigkeit bzw. abhängige Beschäftigung vieler Menschen ermöglicht und so die Voraussetzungen für die Produktion und Profit schafft. Der Staat hat die Investition in diese Voraussetzungen übernommen, die aus den Steuern und Abgaben generiert werden. Die Unternehmen halten sich dabei vornehm zurück, weil solche Ausgaben den Profit verringern und Investitionen in den Care-Bereich sich erst in vielen Jahren rentieren.
Obwohl die Care-Arbeit auf Lebensqualität, auf die soziale, gesundheitliche und pflegerische Versorgung von und durch Menschen abzielt, ist sie eingebettet in die privatwirtschaftliche betriebliche Organisationsform in der Sozialwirtschaft, im Bildungsbereich und Gesundheitswesen. Diese Entwicklung ist für die Beschäftigten im Care-Bereich zunehmend widersprüchlich. Die „Beziehungsarbeit“ die vormals die Care-Arbeit kennzeichnete, wird heute zunehmend durch das „Geld-Hilfe-Geld Verhältnis“ zwischen ihnen und ihren Klienten als neue Form von Entfremdung und Verdinglichung verdrängt. Die Entfremdung, die ein bestimmender Faktor in der Lohnarbeit allgemein ist, wird im Care-Bereich für die Beschäftigten dort zu einem riesigen Problem. Sie empören und schämen sich, wenn berechtigte Interessen oder Ziele der ihnen anvertrauten Menschen nicht berücksichtigt werden, deren Gefühle verletzt und ihnen in der Not Hilfen verweigert werden. Werden die Beschäftigten einem solchen Kommunikationsmuster mehr und mehr ausgesetzt, erkranken sie zwangsläufig und können den Beruf nicht mehr ausüben.
Der Care-Bereich wird sich zukünftig weiter vergrößern und entsprechend wird der Bedarf an qualifizierten Beschäftigten ansteigen. Es zeigt sich schon seit einiger Zeit, dass bei den gegenwärtigen Rahmenbedingungen in diesem Bereich einerseits nicht genügend Menschen für diese gesellschaftlich so wichtige Arbeit gewonnen werden können und immer mehr Beschäftigte wegen der Überlastung und Unterbezahlung diesen Arbeitsbereich verlassen. Andererseits unterliegt der Care-Bereich, wie bei der Lohnarbeit immer, der „Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt“, sei es z.B. der Konkurrenz der Beschäftigten untereinander oder der Konkurrenz der öffentlichen und privaten Unternehmen und führt zur Aufspaltung der dortigen Arbeitsverhältnisse. So gibt es dort die üblichen Formen der abhängigen Beschäftigung, sie reicht von den temporär gut entlohnten Fachkräften, die vom Lohn halbwegs menschenwürdig leben können, bis hin zu den „prekär Beschäftigten“, deren konkrete Lebenssituation dadurch bestimmt wird, dass sie Tag für Tag erneut darum kämpfen müssen, überhaupt weiterleben zu können, auch weil der Care-Bereich sie nicht mehr auffängt.
Quellen: SOEP, Tagesspiegel, SZ, VKG,frauenseiten.bremen.de, BA, AOK, Statistisches Bundesamt,Bundesgesundheitsministerium Bild:frauenseiten.bremen.de