Der Arzt und Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter (1923–2011) verband Tiefenpsychologie mit gesellschaftspolitischem Engagement. Sein Wirken in Berlin, Gießen und Frankfurt am Main prägte die deutsche Friedensbewegung nachhaltig. Angesichts aktueller Debatten um Zeitenwende, massive Aufrüstung und eine geforderte Kriegstüchtigkeit zur Vorbereitung auf einen potenziellen Konflikt mit Russland erweisen sich seine Analysen als brennend aktuell. Seine Schriften legen die unbewussten Mechanismen hinter Eskalationsspiralen offen.
Prägende Kriegserfahrungen und die Wurzeln des Denkens
Richters friedenspolitischer Einsatz basierte auf prägenden Kriegserfahrungen als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Russlandfront. Das Erleben von Zerstörung und Todesangst wurde zum Katalysator für seinen Lebensweg. Er begriff den Krieg als schwerste Pathologie der Menschheit, die es psychologisch zu verhindern galt. Auf der Suche nach Antworten erweiterte er die Psychoanalyse von Sigmund Freud von der Couch auf die gesamte Gesellschaft. Für Richter stellten der Zivilisationsbruch des Holocaust und die atomare Vernichtung von Hiroshima die ultimativen Endpunkte einer fehlgeleiteten menschlichen Allmachtsfantasie dar, die in die totale Selbstzerstörung führt.
Sein Verhältnis zu Russland blieb dabei frei von Feindseligkeit, obwohl seine Eltern zwei Monate nach Kriegsende von zwei betrunkenen sowjetischen Soldaten ermordet worden waren. Richter verweigerte zeit seines Lebens die persönliche und politische Hassreaktion. Er nutzte die Psychoanalyse, um die Entstehung von Feindbildern zu ergründen. In Zeiten des Ost-West-Konflikts engagierte er sich für Völkerverständigung und forderte im Buch „Russen und Deutsche“ (1990), historisch gewachsene Ängste vor den Russen psychologisch aufzuarbeiten und durch partnerschaftlichen Dialog zu ersetzen.
Sigmund Freud und der Gotteskomplex
In seinem Hauptwerk „Der Gotteskomplex“ (1979) untersuchte Richter die psychologischen Krisen der westlichen Kultur. Durch den Verlust religiöser Geborgenheit seit der Aufklärung fühlt sich der moderne Mensch zutiefst isoliert, verletzlich und existentiell ohnmächtig. Diese schmerzhafte und verdrängte Wahrheit beschrieb Richter mit seiner Wortschöpfung der Ohnmachtsanschauung. Weil diese Todesangst unerträglich ist, spaltet das Individuum sie ab und kompensiert sie durch einen psychologischen Abwehrmechanismus: den Gotteskomplex.
Der Mensch flüchtet in den Wahn, Natur, Technik und Sicherheit absolut beherrschen zu können. In der heutigen Politik zeigt sich dieser Komplex im Glauben, Sicherheit lasse sich im nuklearen Zeitalter rein technisch durch maximale Rüstung steuern. Die unweigerliche menschliche Verwundbarkeit wird dabei verdrängt, während der krampfhafte Allmachtswahn Gesellschaften dazu verleitet, die eigene, verleugnete Ohnmacht auf äußere Feindbilder zu projizieren.
Leitfigur der Friedensbewegung und Mitbegründer der IPPNW
Dieses theoretische Fundament goss Richter in den 1980er Jahren in praktischen Aktivismus gegen den NATO-Doppelbeschluss. Im Jahr 1982 gehörte er zu den Mitbegründern der deutschen Sektion der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges). Die weltweite Organisation erhielt 1985 den Friedensnobelpreis. Unter Richters Einfluss argumentierte die Vereinigung, dass Ärzte die Pflicht zur präventiven Kriegsverhütung haben. Richter nutzte die IPPNW als Plattform, um die psychischen Mechanismen der atomaren Abschreckung offenzulegen und vor der Illusion zu warnen, Waffen seien rational kontrollierbar. Hiroshima galt ihm dabei als ewiges Mahnmal dafür, dass die technische Beherrschung der Waffe die psychologische Unberechenbarkeit des Menschen niemals kompensieren kann.
Kriegstüchtigkeit als psychologische Regression
Die aktuelle politische Forderung nach Kriegstüchtigkeit berührt das Kerngebiet von Richters Psychologie des Friedens. In Anlehnung an Freuds Konzepte der kollektiven Regression erfordert die Vorbereitung auf einen Krieg eine gezielte psychische Konditionierung. Dazu gehört eine strikte Feindbildabspaltung, bei der die Welt in Gut und Böse unterteilt wird und eigene historische Versäumnisse auf den Gegner projiziert werden.
In der heutigen zugespitzten Debatte zeigen sich hierbei gefährliche Tendenzen von Russenhass und medialer Kriegshetze. Die pauschale Dämonisierung eines ganzen Volkes und die moralische Ächtung jeglicher diplomatischer Zwischentöne dienen der psychologischen Mobilmachung. Zudem führt der Druck zur kriegerischen Bereitschaft zu einem kollektiven Konformismus, der Zweifel abbaut und rationales Denken ausschaltet. Wer Nuancen sucht, wird als Schwachpunkt stigmatisiert. Die psychologische Anpassung an einen permanenten Aufrüstungs- und Kriegszustand beginnt stets mit einer solchen moralischen Taubheit. Eine dauerhafte Friedensordnung setzt jedoch die Fähigkeit voraus, staatliche Aggression scharf zu verurteilen, ohne dabei in pauschalisierende, rassistische Feindbilder gegenüber der gesamten Bevölkerung eines Landes zu verfallen.
Die Aktualität von Dialog und Diplomatie
Richter betonte stets, dass Waffen eine psychologische Eigendynamik entfalten. Sie schaffen eine Scheinrealität, in der militärische Optionen als alternativlos erscheinen und das Vertrauen in den Dialog als naiv abgetan wird. Inspiriert von der Dialogphilosophie Martin Bubers, der Grenzerkenntnis Blaise Pascals und dem pazifistischen Ethos Albert Einsteins plädierte Richter für das therapeutische Prinzip in der Politik.
Diplomatie war für ihn kein Akt der Schwäche, sondern die notwendige Fähigkeit, die Ängste des Gegenübers wahrzunehmen. Sicherheit kann niemals gegen, sondern immer nur mit dem anderen entstehen. Wahre Reife zeigt sich für Richter nicht in der Kriegstüchtigkeit, sondern in der Friedensfähigkeit: dem Mut, die Kanäle für Dialog und Diplomatie auch unter maximaler Spannung offenzuhalten.
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Der Autor:
Manfred Böhm, Jahrgang 1956, Publizist und Buchautor, Dipl.-Theologe, Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und Tübingen, Ausbildung in Psychopädie (nach Dr. Derbolowsky) und Fortbildungen in Logotherapie, Publizistische Schwerpunkte: Spiritualität und Friedenstheologie
Der Beitrag erschien auf https://www.pressenza.com Bild: Von Stephan Röhl via wikimedia | CC-BY-SA
