Unter dem Titel „Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit“ hat Joshua Graf eine neue Veröffentlichung vorgelegt, die über den „Kommunismus vor Marx“ aufklären will. Eine Rezension.
Von Johannes Schillo
„Wo ist die Oppositionspartei, die nicht vom ihren regierenden Gegnern als kommunistisch verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Kommunismus nicht zurückgeschleudert hätte?“ (MEW 4, S. 461) So Marx und Engels im Manifest der kommunistischen Partei 1848 – und diese Charakterisierung des politischen Lebens ist immer noch aktuell: Ein Trump erhebt den betreffenden Vorwurf pausenlos gegen alle möglichen Gegner, während für AfD-Chefin Weidel glasklar ist, dass Hitler ein Kommunist war. Kommunismus steht eben für das Böse, was jeder unverbildete Mensch eigentlich spüren müsste, wie es die italienische Regierungschefin Meloni formulierte: „Ich habe den Kommunismus schon als Kind negativ gesehen, noch bevor ich genau wusste, was er ist“.
Das ist sicher alle Älteren vertraut, die den Kalten Krieg im Frontstaat BRD erlebt haben, bis dann 1989/90 das „Reich des Bösen“ (Reagan) vor der Macht des Guten kapitulierte. Und die FAZ (18.7.26) erinnerte jüngst noch an den Bescheid des Heilige Offiziums von 1949, dass katholische „Gläubige, die die materialistische und antichristliche Lehre der Kommunisten bekennen, und insbesondere diejenigen, die diese auch verteidigen und propagieren“, sowieso automatisch der Exkommunikation verfallen.
Vor dem Manifest
Man sieht, dass ein „Gespenst umgeht“ – wie es im Manifest eingangs mit Blick auf Europa heißt –, gilt weiter und ist heute globaler Tatbestand; ebenso angebracht daher die Forderung, „daß die Kommunisten ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst“ entgegentreten (MEW 4, S. 461). Denn: „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen“ (MEW 4, S. 493). All diese Zitate bringt Joshua Graf am Ende seines Buchs, wo der Übergang vom utopischen zum wissenschaftlichen Kommunismus thematisiert wird. Die Vorgeschichte des Manifests ist ja im Grunde der Gegenstand seiner Veröffentlichung, die eine Revue der verschiedensten Theoretiker und Träumer, der gewaltbereiten Aktivisten und gutwilligen Weltverbesserer bietet.
Die erwähnten Zitate markieren dabei nur einen, allerdings gewichtigen Gegensatz zu den Vorläufern. Sie verdeutlichen die Absage an das Verschwörertum, das sonst als Signum einer wirksamer Umsturzplanung galt. „Tatsächlich waren Marx und Engels wohl die ersten Kommunisten, die sich in aller Entschiedenheit von klandestinen Organisationsformen abgrenzten“, schreibt Graf (S. 78). Das bezieht sich jedoch vor allem auf Zeitgenossen wie Buonarotti oder Blanqui, teilweise Weitling. Die ersten Propagandisten sozialistischer bzw. kommunistischer Ideen traten dagegen meist mit offenem Visier an und entwarfen menschschheitsbeglückende Visionen etwa in Romanform oder als Reisebericht – teils sogar bewusst als Ideal eines harmonischen Gemeinwesens, dem sich keine Obrigkeit und kein Untertan verschließen dürfte. Selbst ein späterer Sozialist wie Étienne Cabet, der an die Kommune-Experimente von Robert Owen anknüpfte, war „ein strikter Gegner der Revolution“ (S. 97) und diente sich tendenziell, was andere Utopisten explizit vertraten, als Ratgeber an die Herrschenden an. Dazu passte es, dass es seiner Utopie „an jeglicher kritischen Distanz gegenüber institutioneller Macht und omnipräsenten Sittlichkeitsregelungen (mangelte)“ und dass die Bürger seiner „ikarischen“ Zukunftsgesellschaft als „willige Untertanen einer kollektivistischen Staatsmaschinerie“ gestaltet sind (S. 95).
Die Differenz zum wissenschaftlichen Sozialismus ist deutlich. Doch es stimmt natürlich, woran Hermann Lueer zuletzt erinnert hat: Marx hat etwa die berühmte, die kommunistische Produktionsweise charakterisierende Losung „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ in seiner Kritik des Gothaer Programms „nicht aus dem Nichts“ formuliert, sondern auf das zurückgegriffen, was im utopischen bzw. Frühsozialismus an Programmen zirkulierte. Autoren wie Morelly mit seinem Code de la nature und später Cabet mit seiner Voyage en Icarie wären hier als Anreger zu nennen. Und beide finden sich auch in Grafs Veröffentlichung, die geschichtlich weit ausholt
Ein Menschheitstraum
Der „Traum von einer egalitären und solidarischen Gemeinschaft ohne Konkurrenz und mit gemeinschaftlicher Nutzung der Gegenstände“, heißt es einleitend, ist „eine jahrtausendealte Utopie, welche die Geschichte der Menschheit begleitet. Sie begeistert seit langer Zeit unzählige Menschen. Über den ganzen Globus verteilt haben Menschen verschiedenster Epochen davon geträumt, dafür gekämpft oder es – als ‚Aussteiger‘ – sogar im Rahmen kleiner Kommunen ausprobiert.“ (S. 8)
Natürlich geht es Graf nicht darum, die utopische Tradition – die den Vorlauf zum wissenschaftlichen Kommunismus darstellt – zu rehabilitieren, wie es in der marxistischen Philosophie etwa Ernst Bloch unternommen hat, der selbst die Religion mit ihrem Wunschbild vom Paradies als „Vorschein“ der klassenlosen Gesellschaft vereinnahmte. Graf geht es darum, die betreffenden „Theoretiker als eigenständige Denker zu würdigen“ (S. 9), d.h. sie mit ihren Konzepten ernstzunehmen, was deutliche Kritik einschließt und nicht bei der verständnisvollen Einordnung in einen Vorläuferstatus stehen bleibt. Dabei betont er freilich, dass Marx und Engels ihre politische Theorie und Praxis nicht im luftleeren Raum entwickelten, „sondern im Zuge eines historischen Deutungskampfs um die Besetzung des Begriffs ‚Kommunismus‘, in dessen Verlauf“ sie sowohl an vorhandene Ideen anknüpften als auch die Auseinandersetzung mit politökonomischen Ideologen oder reformistischen Gegnern suchten (S. 9).
Leitlinie der Publikation ist die These, dass sich durch die Betrachtung des Kommunismus vor Marx und Engels durchaus einiges für das Verständnis ihrer Werke gewinnen lässt. Für einen solchen Erkenntnisgewinn sei es jedoch unproduktiv, alle möglichen utopischen Visionen einzubeziehen – wie es sie seit Menschengedenken gegeben hat, angefangen etwa bei Platon und seiner „Politeia“ bis hin zu den diversen Sektengründern, die wahre Gemeinschaftlichkeit im Glauben und Leben praktizieren wollten. Letzteres war ja gerade ein Feld, das vom religiösen Außenseitertum beackert und in dem auf alternative Weise ein gottgefälliges Leben gepredigt wurde: „Historisch waren es zumeist religiöse Minderheiten, die aufgrund ihrer egalitaristischen Bibelauslegung das Eigentum als sündhaft ablehnten und daher, meist asketisch, in Gütergemeinschaft lebten.“ (S. 11)
Deshalb will sich das Buch nur auf „relativ moderne politischen Bewegungen“ (S. 10) konzentrieren. Graf nimmt dazu eine Zweiteilung vor. Im ersten Teil werden utopische Entwürfe aus der niedergehenden Feudalgesellschaft vorgestellt, die die Idee der Gütergemeinschaft propagierten. Die Zusammenstellung beginnt mit dem berühmten Gesellschaftsentwurf von Thomas Morus, der 1516 den Begriff „Utopia“ erfand und damit die Idee, dem Frühkapitalismus mit einer (literarischen) Absage entgegenzutreten. Morus galt in der marxistischen Tradition als der eigentliche Pionier, als der „Vater des utopischen Sozialismus“ (Kautsky). „Bei diesem Roman handelt es sich um eine Kritik der englischen Gesellschaftsordnung und um die Beschreibung eines idealen kommunistischen Gemeinwesens“, hielt das Philosophische Wörterbuch der DDR fest, womit zugleich die Differenz zum Jahrhunderte später verfassten Manifest der kommunistischen Partei deutlich wird.
Bei Marx und Engels wird kein Sittenbild einer moralisch verwerflichen Realität von Eigennutz und Geldgier gezeichnet, um ihr dann ein Ideal entgegenzusetzen. Ihr wissenschaftliches Programm haben sie in dem berühmten Zitat aus der Deutschen Ideologie (1846) vielmehr so ausgedrückt: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“ (MEW 3, S. 36) Wie die „wirkliche Bewegung“ zunehmend in den Blick gerät, wird dann von Graf sukzessive entwickelt. Zunächst kommen weitere frühbürgerliche Aufklärer zu Wort, so Morelly oder der weniger bekannte atheistische Priester Jean Meslier, der Religionskritik mit Herrschaftskritik verband. (Einen Auszug daraus hat die Junge Welt am 9. Juli 2026 veröffentlicht: „Gottloser Gottesmann“.)
Marx & Engels und ihre Rivalen
Der zweite Teil widmet sich dann den sozialistischen Protagonisten nach der französischen Revolution, die mit Hegel und Marx als der entscheidende geschichtliche Einschnitt verstanden wird: Jetzt kommt erst im eigentlichen Sinne Kommunismus als politisches Projekt auf die Tagesordnung. Es geht hier also um die unmittelbaren Vorgänger, Rivalen oder Wegbereiter der marxistischen Klassiker – von Babeuf und Blanqui bis zu Weitling. Im „Bund der Gerechten“, den Weitling aufgebaut hatte, übernahmen Marx und Engels die Leitung, der damit zur ‚Keimzelle‘ der kommunistischen Bewegung wurde – 1847/48 mit dem von Marx verfassten Programm, dem Manifest, und der nachfolgenden Umbenennung in „Bund der Kommunisten“. In prägnanter Weise zieht Graf in seinem Buch die Linie der politischen Entwicklung nach, weiß von allerlei Widersprüchen und Kuriositäten zu berichten, hält aber abschließend fest: „letztlich schärften die Theoretiker ihr Verständnis von der Welt und schufen so ein starkes Fundament, auf dem Marx und Engels aufbauen konnten.“ (S. 120)
Was da aufgebaut wurde, ist dann nicht mehr Thema. Das Buch hört also – so könnte man sagen – gerade da auf, wo es spannend wird. Aber es hat eben nicht vor, eine Kurzfassung der Marx’schen Theorie zu liefern. Es ist eine kompakte, gut geschriebene Einstiegshilfe; und zu den daraus folgenden Fragen hat sich der Autor ja schon mehrfach geäußert (siehe z.B. „Kritik bei Marx“ im Videopodcast 99zu1), wird das sicher auch weiterhin tun. Was sich hier anbietet, wäre eine Fortsetzung der marxistischen Auseinandersetzung um die Interpretation der besagten Entwicklung „von der Utopie zur Wissenschaft“, wie der berühmte Aufsatz von Friedrich Engels hieß (siehe MEW 19). Dieser Text machte in der Arbeiterbewegung seinerzeit Furore und bestätigte für viele Anhänger – was dann später im Histomat dogmatisiert wurde –, dass man als proletarischer Revolutionär einer Mission folgt sowie von einer Tendenz unterstützt wird, die seit Menschengedenken die Welt zum Kommunismus hintreibt.
Die „Entwicklungstendenz“ so gefasst ist eine Ideologie. In der Sache muss man jedoch beim Engels-Text (der ja mit Marx abgestimmt war) zweierlei festhalten: Erstens besteht er definitiv auf dem Fortschritt hin zu einer wissenschaftlichen Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise, wie sie Marx mit dem Kapital vorgelegt hat. Auch für den Engels-Aufsatz gilt, was Karl Held zum Manifest festhält: „Gegen die frommen Wünsche und Träume von einer besseren Welt wird die Wissenschaft gesetzt, die mit Kenntnissen antritt.“ Engels geht nicht hinter die erarbeiteten Erkenntnisse zurück, eine Beschwörung der Vorläufer als Kronzeugen für die Wahrheit der Kritik findet nicht statt. Im Gegenteil, bei Marx und Engels fallen – in den frühen (Deutsche Ideologie, Manifest…) oder späten Schriften (z.B. Anti-Dühring) – auch harsche Urteile über die mangelhaften Theorien der Wegbereiter oder Rivalen. Wo frühere Einsichten weiterhelfen, wird das vermerkt. Marx wollte ja für seine theoretische Leistung keine Genialität in Anspruch nehmen; so hat er im Kapital, etwa beim Wertgesetz in Band 1 oder bei den Reproduktionsschemata in Band 2, explizit auf seine politökonomischen Vorgänger (Smith, Ricardo…) verwiesen.
Zweitens kann man das banale Faktum einer historischen Entwicklung nicht bestreiten; man kann auch Analogien zu früheren Vorgängen konstatieren, wie es der alte Engels tat, wenn er die Erfolge der Arbeiterbewegung mit der Ausbreitung des Christentums verglich – das Urchristentum „ergriff die Massen genauso“, schrieb er 1883, „wie es der moderne Sozialismus tut, in Gestalt mannigfaltiger Sekten und noch mehr durch widersprechende individuelle Meinungen“ (MEW 21, S. 9). Die Einordnung in eine Tendenz verstanden die Protagonisten der Internationale damals natürlich als eine Ermunterung und Bestätigung ihres Vorhabens. Wenn man sich politische Schriften wie das Manifest ansieht, dann ist klar, dass betont werden sollte: Hier tritt eine Gruppe an (ein „Bund“ wie es damals hieß, das Wort „Partei“ im Titel der Programmschrift war ja nicht im modernen Sinne gemeint), die die Leute aus ihrem Fatalismus oder ihrem Staatsvertrauen herausreißen will. Dafür ist ist bei Gelegenheit auch ‚Stimmungsmache‘ hilfreich: ‚Wir können es schaffen‘ – ‚Wir setzen uns ein für die richtige, weil vorwärts weisende Seite der Geschichte‘ – ‚Wir sehen, was früher schief lief, und machen es jetzt besser‘. Daraus eine Theorie zu machen, die historische Zwangsläufigkeit behauptet, ist allerdings etwas anderes…
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Joshua Graf, Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit – Kommunismus vor Marx. Neue Kleine Bibliothek 359. Köln (PapyRossa) 2026. Paperback, 127 Seiten, € 14,90, ISB
Der Autor:
Johannes Schillo arbeitet als Autor, Journalist und Redakteur von Fachzeitschriften. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich in seinen Artikeln und Büchern mit aktuellen Fragen aus (Weiter-)Bildung und Kultur. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Ein nationaler Aufreger – Zur Kritik der Erinnerungskultur“ (Klemm + Oelschläger, 2022) und (zusammen mit Norbert Wohlfahrt) „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“ (VSA, 2023).