I. Krisenbedingte Hinwendung zur Kriegswirtschaft
Bei geringer Kapazitätsauslastung der unter Produktionszwang stehenden Unternehmen erscheint die Hinwendung zur rüstungswirtschaftlichen Produktion als politische Lösung. 1 Wie Manfred G. Schmidt feststellt, bieten Kriege den einzigen, den allerletzten Ausweg aus der Profitkrise: »Wenn keine Nachfrage echter Art, d. h. nach reproduktiven Werten vorhanden ist, so muss eine andere Nachfrage, also eine nach nicht-reproduktiven Werten geschaffen werden.«2
Die Profite sind »verhältnismäßig 3-4 mal höher als bei Zivilindustrien gleicher technischer Leistung. In diesem […] Umstand liegt der stärkste Antrieb für die Rüstungsindustrie, kriegsschürend auf die Politik der Staaten einzuwirken.« 3
»So wird offensichtlich, dass Gewinne von Unternehmen eine Kriegsursache sind. Die Privatisierung des Militärs, d. h. der Einsatz von privaten ›Sicherheitsfirmen‹ und anderer Unternehmen, macht das Geschäft mit dem Krieg deutlich.« 4
Solange Kriege andauern, ist in der Rüstungsindustrie auch keine Überproduktion zu befürchten; die produzierten Waffen, Raketen, Panzer, Flugzeuge, Kriegsschiffe, U-Boote usw. kommen im Krieg zum Einsatz, werden dabei unbrauchbar oder zerstört und müssen immer wieder neu beschafft und produziert werden.
Die Konsumtion der rüstungsindustriell produzierten Waren ist gesichert; der kriegführende Staat (oder das kriegführende Staatenbündnis) bzw. die verbündeten, Waffen liefernden Regierungen sind Garant dafür, dass der Umsatz sichergestellt ist und die Mehrwert-Produktion nicht zum Erliegen kommt. Der Verschleiß der Waffen und Kriegsgeräte sorgt für ständig weitere Nachfrage.
Mit den Worten von Fabio Vighi: »Gerade weil die Militärproduktion weitgehend von Rentabilitätsprüfungen am Markt abgeschirmt ist, dient sie als idealer Kanal für schuldenfinanzierte Ausgaben. Die Aufrüstung lockert die Kreditbedingungen und legitimiert die Geldmengenausweitung zum Vorteil des Finanzsektors. Sie fungiert somit als paradigmatische Form der ›falschen Akkumulation‹: Geld wird in Umlauf gebracht, ohne neue reale Wirtschaftssubstanz zu schaffen.«5
Durch rasende Zerstörung ist der Fortbestand der auf Ausbeutung, Unterdrückung und Mehrwertproduktion basierenden Wirtschaftsordnung garantiert. Denn selbstverständlich wird auch in der Rüstungsproduktion Mehrwert geschaffen, und dies in nicht geringem Umfang; die Entlohnung der menschlichen Arbeitskraft ist in der boomenden Rüstungsindustrie um ein Vielfaches geringer als derjenige Wert, der auf dem Markt der Kriegswirtschaft für die produzierte Ware gezahlt wird.
Ich fasse zusammen: Auf die Höhe des Profits wirkt sich die Generierung des Mehrwerts in doppelter Weise aus: Zum einen werden Preise kalkuliert, die erheblich über den Lohnkosten liegen und Höchstgewinne garantieren. Das ist der Fall, weil im Krieg auf die Rüstungsgüter nicht verzichtet werden kann. Zum anderen aber wirken sich auch bei der Rüstungsproduktion die beiden Arten der Mehrwertgenerierung profitsteigernd aus.
II. Mehrwertproduktion und Subsumtion
Mehrwert entsteht bei der Produktion von Waren auf doppelte Weise: sowohl in absoluter als auch in relativer Hinsicht. In beiden Fällen spielt die menschliche Arbeitskraft die entscheidende Rolle. Entweder sie bzw. ihr Einsatz wird ausgedehnt, wird länger vernutzt (Extensivierung der Arbeit), oder sie wird gestärkt, verdichtet, ihre Qualität wird verbessert (Intensivierung der Arbeit). In beiden Fällen ist die menschliche Arbeit den Kapitalverhältnissen untergeordnet: durch ihre formale Subsumtion im Rahmen der absoluten Mehrwertproduktion, durch die reale Subsumtion im Rahmen der Erzeugung von relativem Mehrwert.
»Unterordnung (Subsumtion) der Arbeit unter das Kapital, demzufolge des Arbeiters unter den Kapitalisten« ist ein »ganz wesentliches Charakteristikum des Kapitalismus […], denn es sind die Anweisungen des letzteren, denen der erstere zu folgen und unter dessen Kontrolle und Kommando er zu arbeiten hat.«6
Als Subsumtion unter das Kapital beschreibt Marx im Nachlass der Vorarbeiten zur Kritik der Politischen Ökonomie seines Hauptwerks Das Kapital jene Prozesse, welche die menschliche Arbeitskraft der kapitalistischen Produktionsweise unterordnen. Die Subsumtionsvorgänge sind Voraussetzungen der Mehrwerterzeugung, die in Gestalt der damit verbundenen Profite entscheidender Entwicklungsantrieb kapitalistischer Gesellschaften ist.
Die absolute Mehrwerterzeugung setzt voraus, dass die Beschäftigten innerhalb einer bestimmten Arbeitszeit mehr Wert erzeugen, als ihnen durch den Lohn entgolten wird. Arbeitszeit und Lohn sind die beiden Maßstäbe, deren Veränderung auch die absolute Mehrwertproduktion beeinflusst: entweder indem bei gleicher Arbeitsdauer weniger Lohn bezahlt wird (Lohnkürzung) bzw. trotz verlängerter Arbeitszeit (Mehrarbeit) kein zusätzlicher Lohn.
Die Arbeitskraft ist formal – bei Marx heißt es: »formell« – dem Kapital unterworfen. Formelle Subsumtion meint, dass der Erwerbstätige seine Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit und einen festgelegten Lohn per Arbeitsvertrag und tarifgemäß zur Verfügung stellt und sein Arbeitsvermögen dem Kapital förmlich übereignet. Eine Mehrwertsteigerung ist unter diesen Voraussetzungen in absoluter (Geld- oder Zeit-)Menge möglich und quantitativ messbar: in Form von Lohnabzügen und/oder durch unbezahlte Mehrarbeit, wenn z. B. Freiwilligen- oder Zwangsarbeit bzw. Überstunden geleistet werden. Auch das Verbot von Arbeitskämpfen unter den Bedingungen des Kriegsrechts wirkt sich auf die Mehrwertproduktion zu Lasten der Werktätigen aus.
Bei der relativen Mehrwerterzeugung stehen Arbeitszeit und Arbeitslohn fest. Den Hebel zur Mehrwertsteigerung bildet hier das jeweilige Arbeitsvermögen selbst, indem dessen Produktivität qualitativ verbessert, d. h. noch produktiver ist. Eine qualifiziertere und in diesem Sinn produktivere Arbeitskraft erzeugt in einer bestimmten Zeitdauer und für den dafür festgelegten Lohn mehr Wert als eine weniger qualifizierte unter denselben Bedingungen.
Um die Leistungskraft der Arbeit zu erhöhen und somit die Mehrwerterzeugung zu steigern, ist es erforderlich, die Produktivität durch entsprechende Methoden, Techniken oder Technologien zu steigern. Dies geschieht, wie Marx zusammenfasst, »durch die Kooperation, die Teilung der Arbeit innerhalb des Ateliers, die Anwendung von Maschinerie und überhaupt die Verwandlung des Produktionsprozesses in bewusste Anwendung der Naturwissenschaft, Mechanik, Chemie etc., für bestimmte Zwecke, Technologie usw. ebenso wie das allem diesen entsprechende Arbeiten auf großer Stufenleiter usw.«7
Voraussetzung für die relative Mehrwertproduktion auf der Basis verschärfter Arbeitsintensivierung und -verdichtung ist also die qualitative Anpassung der menschlichen Arbeitskraft an den Produktionsprozess. Erforderlich ist dafür sowohl eine qualitativ veränderte, spezialisierte Ausbildung als auch der Einsatz von technologischen Innovationen, z. B. durch das Fließband, Roboter, Computer, Smartphone, Künstliche Intelligenz usw.
Von relativer Mehrwerterzeugung ist hier deshalb die Rede, weil es sich bei der Intensivierung und Verdichtung der Arbeit um einen Vorgang handelt, dessen Resultat relativ ist; je qualifizierter die berufliche (Spezial-)Ausbildung und je höher die Motivation, desto besser das Arbeitsergebnis und der damit erzielbare Gewinn. Bei dieser Form einer Unterordnung der Arbeitskraft und ihrer Produktivität unter das Kapital spricht Marx von realer (»reeler«) Subsumtion.
»Der Begriff der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital […] bezeichnet zunächst ganz allgemein die Ein- und Unterordnung der lebendigen Arbeitskraft unter den kapitalistischen Produktionsprozess, sobald mit der Entstehung der großen Industrie die Produktion des relativen Mehrwerts durch ständige Produktivitätssteigerung die vorherrschende Produktionsweise geworden ist.«8
Der lohnabhängig Erwerbstätige ist nicht nur formal dem Kapital untergeordnet, sondern seine Arbeitskraft selbst wird zum Bestandteil der kapitalistischen Produktion des Mehrwerts. Bei der relativen Mehrwertproduktion werden die Beschäftigten im Rahmen der Mensch-Maschine-Interaktion zum Bestandteil komplexer Technologien. Weil »Information – die bislang immer an menschliches Wissen, und sei es Herrschaftswissen, gebunden war – nun technisierbar«9 ist, werden die Lohnabhängigen in zunehmendem Umfang den Bedingungen der Produktion real unterworfen und faktisch eingebunden. Die Rede ist deshalb zu Recht von ihrer wirklichen, ihrer »reellen Subsumtion unter das Kapital«.10
Marx bestimmt das Verhältnis von absolutem und relativem Mehrwert dahingehend, dass sie »zwei getrennte Formen der Subsumtion der Arbeit unter das Kapital [sind] und zwei getrennte Formen der kapitalistischen Produktion, von denen die erste immer den Vorläufer der anderen bildet, obgleich die weiter entwickelte, die zweite, wieder die Basis für die Einführung der ersten in neuen Produktionszweigen bilden kann 11. So war das Maschinensystem Vorläufer der Fließbandarbeit, das Fließband Vorläufer des Einsatzes von Automaten und Robotern, und Letztere bilden die Basis für den Einsatz der Künstlichen Intelligenz.
Die im 18., 19. und 20. Jahrhundert jeweils dominierenden produktionstechnischen Fortschritte haben »die technologischen Voraussetzungen geschaffen, dass der Kapitalismus allmählich in allen damals bedeutsamen Produktionszweigen von der formellen in die reelle Subsumtion übergehen konnte«12. Letztere erfolgte dank technologischer Innovationen auf immer neuer Stufenleiter, weshalb Roth und Kanzow13 mehrere Phasen der reellen Subsumtion unterscheiden.
Noch nicht berücksichtigt ist bei der Analyse der Mehrwertproduktion, dass auch die Produktionskosten – für Werkzeuge, Maschinen, Energie, Rohstoffe, Transport, Fabrikanlagen, Labore, Versicherungen, Kreditzinsen usw. – einen Faktor darstellen, der sowohl bei der Mehrwertproduktion und dem Fallen der Profitrate ins Gewicht fällt als auch bei der Frage nach den Ursachen der Kriege. Denn Kriege bezwecken nicht nur die Produktion von Waffen und Kriegsgütern bzw. die Zerstörung und den Wiederaufbau. Sie dienen immer auch der räuberischen Aneignung sowohl fremder Territorien und Rohstoffe als auch der Eroberung neuer Märkte. Kriegsflüchtlinge und -vertriebene dienen anderenorts als billige Arbeitskräfte beim Arbeitseinsatz in der kapitalistischen Mehrwertproduktion.
III. Empirische Entsprechung
Laut Michael Hollister befindet sich die kapitalistische Ökonomie heute wieder »vor dem gleichen systemischen Dilemma« wie vor den beiden Weltkriegen: »Die Wachstumsquellen sind erschöpft«14, sprich: Die Profitgewinnung bzw. -steigerung ist an ihre Grenzen und weitgehend zum Erliegen gekommen. »Deutschland deindustrialisiert, Europa stagniert, die Schuldenberge sind historisch hoch. Negative Realzinsen, aufgeblähte Immobilienmärkte, unfinanzierbare Sozialsysteme – das System steht unter massivem Druck. Und genau in dieser Situation wird massiv aufgerüstet«15, d. h. in die Produktion von Rüstungsgütern investiert.Die verschiedenen industriellen Zweige der militärischen Aufrüstung und Kriegswirtschaft sind zentrale Quellen einer maßlos erhöhten Mehrwertproduktion. Die Löhne der dort Beschäftigten ermöglichen infolge der exorbitanten und kaum überprüfbaren Kostenkalkulation der Rüstungsunternehmen eine unermesslich maximale Steigerung der Profite. Hollister stellt die Frage: »Ist das Zufall? Oder folgt diese Entwicklung einer systemischen Logik, die schon zweimal im 20. Jahrhundert funktioniert hat? Die verstörende Hypothese lautet: Ein großer, Europa zerstörender Krieg mit Russland könnte aus Sicht der Systemlogik nicht das Problem sein – sondern die Lösung.«16Sein Fazit: »Die Zerstörung würde Wachstumspotential für Jahrzehnte freisetzen. Wiederaufbau der Infrastruktur, Neubau von Städten, Modernisierung der Industrie – finanziert durch internationale Kredite und Wiederaufbauprogramme. Diese Logik ist zynisch, menschenverachtend – aber sie ist nicht neu. Sie ist die historisch dokumentierte Funktionsweise eines Systems, das auf permanentes Wachstum angewiesen ist und dabei an seine Grenzen stößt. Wenn das System nicht reformiert werden kann oder soll, bleibt nur der Reset durch Zerstörung.«17
Alles, was zerstört wird, muss nach dem Krieg wieder aufgebaut werden: Häuser, Fabrikanlagen, Bürogebäude, Labore, Schulen, Krankenhäuser, Verkehrsinfrastruktur wie Straßen, Airports, Häfen, Bahnanlagen usw. Ein Beispiel: Laut der systematischen Auswertung von Satellitendaten durch die Analysefirma Vertical52 wurden in den Jahren 2023 und 2024 »78 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen zerstört oder beschädigt«18.
In folgenden vier Bereichen müssen in Gaza zunächst auch die unmittelbaren Folgen der Zerstörungen behoben werden: im Rahmen der Schuttbeseitigung (53 Millionen Tonnen Trümmer allein bis Oktober 2025), aufgrund von Blindgängern (mindestens 4.000, nicht mit eingerechnet Panzer- oder Artilleriegranaten und andere Munitionstypen), bei der Wasserversorgung (in den ersten sechs Monaten des Krieges wurden 60 Prozent aller Wasserpumpen, Entsalzungs- und Kläranlagen zerstört) sowie bei der Befestigung von instabilem Untergrund (infolge der gesprengten Tunnelanlagen).19
»Laut Schätzungen der Uno könnte ein Wiederaufbau bis zu achtzig Jahre dauern […] Klar ist, dass die Kosten enorm wären. Schätzungen veranschlagen zwischen 53 und 133 Milliarden Dollar.«20
Die Mehrwertproduktion durch lohnabhängige Arbeiter erfolgt im Rahmen des Wiederaufbaus der kriegszerstörten Länder zusätzlich in den Werkanlagen für die Gewinnung von Baumaterial (Sand, Zement, Stahl usw.), im Hoch- und Tiefbau sowie in den Fabriken für Werkzeuge, Maschinen, Transportfahrzeuge, Bagger, Kräne usw. Die Aufrüstung Europas sei in diesem Kontext keine Vorbereitung auf Verteidigung, »sondern möglicherweise die Vorbereitung auf den nächsten Zyklus: Krieg – Zerstörung – Wiederaufbau – Wachstum. Dass dieser Krieg Millionen Menschenleben kosten würde, scheint in dieser Kalkulation keine Rolle zu spielen.«21 Die Kriegstoten sind der menschliche »Kollateralschaden« der Folgen des Kapitalismus in der Krise, um diese im Interesse der Profitökonomie zu überwinden.
IV. Gesellschaftliche Repression im Militärstaat
Die formelle und die reelle Subsumtion der erwerbstätig-lohnabhängigen Menschen unter die ausbeuterischen Bedingungen der kapitalistischen Mehrwertproduktion gelingen nur dann, wenn die gesamte werktätige Bevölkerung – auch die Bauernschaft – sich unterordnet und keinen politischen Widerstand leistet. Deshalb verschärft sich in Zeiten der Kriegsökonomie der autoritäre Charakter des Staates als Polizei- und Militärstaat bis hin zur Ausübung des totalitären Kriegsrechts.
Hinzu kommt: Die Rüstungsproduktion ist eine mehrwertschaffende Produktion von nicht-reproduktiven Waren. Das heißt, es handelt sich um die Produktion von Waren, »die weder direkt noch indirekt in die Erhaltung und Erneuerung menschlicher Arbeitskraft oder materieller Produktionsmittel eingehen«22.
Zu den nicht-reproduktiven Waren gehören in erster Linie die Rüstungsgüter. Ebenso der Unternehmenssektor der Weltraumforschung und ein Großteil derjenigen Produkte, die im Rahmen der Energiewende dem sogenannten Klimawandel abhelfen sollen (»Grüne Industrie«), ferner die mRNA-Spritzenstoffe, welche bei der COVID-19-Kampagne eingesetzt und aufgezwungen wurden.23
»Dadurch, dass das Finanzsystem die Bedingungen der Produktion und der politischen Situation zugunsten […] der Rüstungs- und Kriegsfinanzierung ausnutzen und verändern muss, verändert und entwickelt es auch das gesamte Herrschaftssystem. Aufrüstung und Krieg bieten dazu die größten Möglichkeiten, weil nur zu ihren Gunsten die Befriedigung der Bedürfnisse des gesamten Volkes in solchem Ausmaß unterdrückt werden kann.«24
Der Politikwissenschaftler Manfred G. Schmidt hat erkannt: »Um Nachfrage dieser Art effektiv zu machen, bedarf es einer Staatsmacht, welche die Bezahlung für solche Produkte der Bevölkerung aufzwingt.«25
Da die Milliardenkosten für die Kriegswirtschaft aus den Mitteln des Steuerhaushalts finanziert werden, stellt sich die Frage, bis zu welchem Grad der Manipulation und Irreleitung die Bevölkerung bereit ist, dabei Folge zu leisten. Gegen die drohende Gefahr einer Rebellion von unten organisiert sich der Polizei- und Militärstaat durch Überwachung, Zensur, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Geldstrafen, Sanktionen, Debanking, Gefängnis und Tötung.
Angelika Komlosy beschreibt diesen Prozess wie folgt: »Die Erosion der Machtgrundlagen kann dazu führen, dass – mangels Alternativen – allseits akzeptierte Hegemonie in allen Machtdimensionen immer stärkerer politisch-autoritärer, polizeilicher bzw. militärischer Machtmittel bedarf.«26
Der Polizei- und der Militärstaat bilden zusammen mit der Kriegswirtschaft, der Rüstungsindustrie und dem gesamte militärisch-industriellen Komplex ein schwer durchschaubares Wirkungsgemenge. Mit Hilfe der kriegerischen Zerstörungen, durch staatliche Repression, auf Kosten von Menschenleben und körperlicher Unversehrtheit sowie unter Inkaufnahme massiver sozialer Verwerfungen wird für die Dauer des Krieges von der ökonomischen Krise abgelenkt und ein Ausweg aus derselben versprochen, vorübergehend scheinbar auch geleistet – um schließlich erneut wieder bei ökonomischen Krisen aufgrund fallender Profitraten zu landen.
Der Kreislauf Krieg – Zerstörung – Wiederaufbau – Wachstum – Krise – Krieg schließt sich, da die kapitalistische Profitgier keinen anderen Ausweg findet, als den, das Profitsystem durch materielle Zerstörung und die Vernichtung von Menschenleben zu erhalten.
Anmerkungen:
1 Siehe zur Rolle der Rüstungswirtschaft Michael Kidron, Rüstung und wirtschaftliches Wachstum. Ein Essay über den westlichen Kapitalismus nach 1945, Frankfurt a. M. 1971, S. 57ff.
2 Manfred G. Schmidt, »Staatliche Ausgabenpolitik und Akkumulationsentwicklung im Rüstungssektor der Bundesrepublik«, in: H. G. Backhaus u. a., Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 5, Frankfurt a. M. 1975, S. 91f.
3 Otto Lehmann-Russbüldt, Der Krieg als Geschäft, Nebelhorn, Berlin 1927, S. 7
4 Wolfram Beyer, Pazifismus und Antimilitarismus, Schmetterling, Stuttgart 2012, S. 209
5 ESCLUSIVO. Il prof. Fabio Vighi: »Il Green Deal ha cambiato pelle« – BGS News – Buongiorno Südtirol – Professor Fabio Vighi: »Der Green Deal hat sein Gesicht verändert.« – Francesco Servadio sprach für Buongiorno Südtirol“ mit Fabio Vighi; in: https://www.buongiornosuedtirol.it/de/2026/02/01/esclusivo-il-prof-fabio-vighi-il-green-deal-ha-cambiato-pelle-3/ (27.04.2026)
6 Thomas Kuczynski, »Kommandierte Arbeit«; in: junge Welt, Nr. 210, 09./10.09.2017, S. 12
7 Karl Marx, Die Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 1969, S. 50
8 Rudi Schmiede: »Reelle Subsumtion als gesellschaftstheoretische Kategorie«, in: Wilhelm Schumm (Hrsg.), Zur Entwicklungsdynamik des modernen Kapitalismus. Beiträge zur Gesellschaftstheorie, Industriesoziologie und Gewerkschaftsforschung. Symposium für Gerhard Brandt, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1988, S. 21. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/25427/25427_1.pdf;jsessionid=B67B3F8E05ADDCB5BB0317AF19DD23A2?sequence=1 (26.04.2026)
9 A. a. O., S. 31
10 Dieser Subsumtionsprozess ist in allen Industrien zu beobachten, nicht zuletzt auch in der Rüstungsindustrie, in der Chemie- und der Pharmaindustrie. In Dienstleistungsberufen wie der Altenpflege und im Gesundheitswesen nähern sich die Tätigkeitsprofile im Zuge der Kommerzialisierung, Kommodifizierung und Ökonomisierung dem Muster der Arbeit im Rahmen der relativen Mehrwertproduktion an. Siehe Rudolph Bauer, »Soziale Dienste in Gegenwart und Zukunft«, in: Hubert Oppl und Arnold Tomaschek, Soziale Arbeit 2000. Band 2: Modernisierungskrise und soziale Dienste, Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau 1986, S. 43–70. – Ders., »Verbesserung durch Laien? Zur Kritik der Privatisierung Sozialer Dienstleistungen«, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 4/1988, S. 488–500. – »Hier geht es um Menschen, dort um Gegenstände. Über Dienstleistungen, Qualität und Qualitätssicherung«, in: Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Heft 61, September 1996, S. 11–49
11 Karl Marx 1969 (Anm. 7), S. 51
12 Karl Heinz Roth und Eckard Kanzow, Unwissen als Ohnmacht. Zum Wechselverhältnis von Kapital und Wissenschaft, Edition Voltaire, Berlin 1971, S. 104
13 Siehe a. a. O.
14 Michael Hollister, »Aufrüstung im Niedergang. Warum Deutschland und die EU in den Krieg investieren«; in: Globalbridge, 04.03.2026. Erstveröffentlicht bei: https://overton-magazin.de/hintergrund/wirtschaft/aufruestung-im-niedergang-warum-deutschland-und-die-eu-in-den-krieg-investieren/ (04.03.2026)
15 Ebd.
16 A. a. O.
17 A. a. O.
18 Jonas Roth u. a., »Ist der Gazastreifen wieder aufbaubar?«, in: Neue Zürcher Zeitung, Internationale Ausgabevom 11.10.2025, S. 2
19 Vgl. ebd.
20 Ebd.
21 Hollister 2026 (Anm. 14)
22 Manfred G. Schmidt, »Staatliche Ausgabenpolitik und Akkumulationsentwicklung im Rüstungssektor der Bundesrepublik«; in: H. G. Backhaus u. a., Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 5, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1975, S. 92
23 Der Hinweis, dass es sich bei diesen Produkten, genauso wie bei denen der Rüstungsindustrie, um nicht-reproduktive Waren handelt, bedarf einer theoretischen und empirischen Vertiefung, die an dieser Stelle nicht geleistet werden kann.
24 Ruth Andexel, Staatsfinanzen, Rüstung, Krieg, Akademie Verlag, Berlin 1968, S. 177
25 Schmidt 1975 (Anm. 22), S. 92
26 Andrea Komlosy, Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft, Promedia Verlag, Wien 2022, S. 58
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Der Autor:
RUDOLPH BAUER ist emeritierter Professor der Wohlfahrtspolitik und für Soziale Dienstleistungen. Als wissenschaftlicher Autor hat er im pad-Verlag, Bergkamen, folgende Veröffentlichungen publiziert: Vernunft in Quarantäne (2021), The Great Reset: Der große Rückfall (2021) und Kritisches Wörterbuch des Bunten Totalitarismus (4 Hefte, 2024–2025). Im selben Verlag erschienen ein Lyrikband (Von Covid-19 zu Putin-22, 2023) und sechs Bände mit politischen Bildmontagen (2023–2025). Wegen seiner coronakritischen und Antikriegs-Bildmontagen wurde Bauer in Stuttgart und in Bremen angeklagt, in Bremen verbunden mit einer Hausdurchsuchung und Handy-Beschlagnahme am 10. August 2023.
Der Beitrag erschien im Nachrichtenmagazin Hintergrund 7-8-26 https://hintergrund.de/ und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion gespiegelt. Bild: wdr.de
