Lernziel: Patriotismus bestreiken!

Freerk Huisken hat eine Streitschrift zur Schulkritik vorgelegt, die sich auch an die Streikbewegung gegen die Wehrpflicht wendet: „Schule, die 5. Gewalt – Die Zurichtung des Nachwuchses für Staat und Kapital“.

Von Johannes Schillo

„Nein, es wird keine Enthüllungsstory über Prügelorgien an deutschen Schulen vorgelegt, wenn ich Schule als 5. Gewalt kennzeichne. Wie ja auch die Charakterisierung der Medienwelt als ‚4. Gewalt‘ nicht auf gewalttätige Journalisten, sondern auf eine bestimmte Funktion der Öffentlichkeit verweist. Eine harmlose Metapher ist der Hinweis auf Gewalt dennoch nicht. Sie trifft was. Schule reiht sich ein in die ‚Gewalten‘, die für das Staatswesen eine gewichtige Rolle spielen.“

So beginnt Freerk Huiskens aktuelle Publikation zur Kritik der Schule bzw. zur Auseinandersetzung mit der neuen Rolle, die dem Bildungswesen seit der „Zeitenwende“ des Jahres 2022 und dem allseits bekannt gemachten Erfordernis der „Kriegstüchtigkeit“ zukommt. Man kann es also im Grunde als das Buch zum Schulstreik bezeichnen – auch wenn sich seine Zustimmung zur Bestreikung dieser allgemein anerkannten Einrichtung auf viel mehr richtet als auf die Notwendigkeit, der gegenwärtigen Einbeziehung in die gesellschaftliche Militarisierung mit punktuellen Maßnahmen zivilen Ungehorsam zu begegnen; und auch wenn es an zentralen Parolen der Streikbewegung wie „Geld für die Bildung statt für die Rüstung“ (die etwa von der Bildungsgewerkschaft GEW gerne aufgegriffen wird) entschieden Kritik übt.

Kritik des Friedens

Die neue Publikation führt Überlegungen fort, wie sie Huisken bereits in der alten Friedensbewegung bekannt gemacht hat. Er hatte 1984 zum Protest gegen das Programm der NATO-Nachrüstung das „destruktive Lesebuch“ (so der Untertitel) „Anstiftung zum Unfrieden“ vorgelegt. Dieses riet dazu, die politökonomischen Verhältnisse, die immer wieder die Gründe für staatlichen Waffengebrauch liefern, ins Visier zu nehmen und im Protest namhaft zu machen. Vor drei Jahren setzte er das mit seiner Flugschrift „Frieden. Eine Kritik“ fort (siehe die Vorstellung im FriedensForum, Nr. 6/23).

Natürlich war diese Friedenskritik nicht als Befürwortung eines promilitärischen Kurses gemeint, wie sie in der BRD seit Neuestem gegen alle pazifistischen Träumereien als verbindlich für die nationale Gesinnung vorgeschrieben und durchgesetzt wird. Vielmehr ging es um eine Warnung davor, der staatlichen Kalkulation mit einem Friedenszustand zu vertrauen, der doch nur dazu dient, den nächsten Krieg vorzubereiten bzw. die (Miss-)Erfolge des letzten Waffengangs in die staatliche Agenda einzuarbeiten. Deshalb sei es ein Fehler, sich hier als Bittsteller einzuklinken und auf die gemäßigten Kräfte unter den Warlords zu setzen.

Im Overton-Interview („Give peace a chance“ – ein frommer Wunsch und seine Täuschung) hieß es dazu kurz und bündig: „Friedensmoral ist mittlerweile Kriegsmoral.“ Dieser Kritik bleibt Huisken in seinem neuen Buch treu. Er zeigt, wie die Staatsschule, die im unhinterfragbaren Besitz des Bildungsmonopols ist (Teil 1), systematisch mit ihrer Produktion von selbstbewussten Konkurrenzsubjekten (Teil 2) und kritischen Untertanen (Teil 3) einer patriotischen Einstellung zuarbeitet, die dann für das neue Leitbild „Kriegstüchtigkeit“ nur aktualisiert und abgerufen werden muss (Teil 4). Seine Schulkritik entfaltet Huisken dabei unter Rückgriff auf seinen Klassiker „Erziehung im Kapitalismus“ (Neuausgabe 2016). Ein fünfter Teil dokumentiert und beantwortet dann „Frequently Asked Questions“, die sich teils auf aktuelle Vorträge, teils auf ältere Publikationen beziehen, und zeigt somit, wie der Autor mit seiner provokativ angelegten Schulkritik im öffentlichen Diskurs umgeht.

Kritik der Friedenssehnsucht

Exemplarisch deutlich wird die Zielsetzung von Huiskens Friedenskritik da, wo er sich mit Parolen der Schulstreikbewegung auseinandersetzt. Ausführlich nimmt er sich etwa die Parole „Bundeswehr stört Schulfrieden!“ vor. Huisken teilt natürlich die Ablehnung einer Bundeswehrpropaganda, die als Ergänzung des Unterrichts oder als Hilfe zur Berufsfindung auftritt; er befasst sich auch detailliert mit der Bearbeitung der Schuljugend durch die einschlägigen Behörden oder Kampagnen, die die Kriegsvorbereitung als unabdingbare realpolitische Notwendigkeit (wegen der ‚bösen Nachbarn‘) postulieren oder, wahlweise, (weil ‚bloß‘ auf Abschreckung abonniert) als Mittel zur Kriegsverhinderung idealisieren. Und er hält auch im fünften Teil gegen kritische Nachfragen fest, dass es natürlich Eigensinn und Widerspruchsgeist bei den aufgeschreckten Schülern und Schülerinnen gibt: „Wenn ich über Ziele und Aufgaben der Schule rede, dann ist das nicht identisch mit der Aussage, dass all das zu 100% in den Köpfen der Schüler ankommt, was Lehrer mit ihnen anstellen. Die Köpfe sind immer noch ihre eigenen.“

In der neuen Streikbewegung mit ihrer Bereitschaft zum zivilen Ungehorsam (die nicht wie im Fall der Fridays for Future von Politik und Öffentlichkeit rundum wohlwollend aufgenommen wurde) dokumentiert sich ja schon, dass eine abweichende Stellung zum eingespielten Betrieb auch angesichts angedrohter und ausgesprochener Sanktionen eingenommen wird. Huisken kreidet aber der Vorstellung vom Schulfrieden, den man gegen die Bundeswehr zu verteidigen habe, ein entscheidendes Fehlurteil an, das er im Grunde mit seinem ganzen Buch zu korrigieren versucht: Schule, so wie sie staatlicherseits eingerichtet ist und beaufsichtigt wird, stellt keine gewaltlose Angelegenheit dar und zielt nicht auf friedfertige Menschen, sondern auf selbstbewusste Konkurrenzsubjekte, die sich in einer Lernkonkurrenz behaupten, gegen andere durchsetzen und vom ganzen Unterrichtsprinzip her auf eine nationales „Wir“ festgelegt werden, in dem die Ausgrenzung der „Fremden“ strukturell angelegt ist und, bei Bedarf, durch Feindbildpflege in aggressiveren Varianten abgerufen werden kann.

Die Schwäche eines Protests, der sich auf den anerkannten Wert Bildung beruft – bis dahin, dass etwa von GEWlern ganz im Sinne der herrschenden Standortlogik die optimal gebildete Jugend als wichtige Ressource der Staatenkonkurrenz neben der Rüstung angepriesen wird –, macht Huisken auch daran deutlich, wie der jugendliche Aufbruch und Einspruch vom deutschen Verteidigungsminister aufgegriffen und vereinnahmt wurde. Dass man in unserem freien Land den Wehrdienst öffentlich ablehnen darf, soll ja aus regierungsoffiziellem Blickwinkel dafür stehen, dass der Staat, der solche Freiheiten einräumt, auf jeden Fall verteidigungswürdig ist. Dafür wurde auch das Buch von Ole Nymoen „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ (Hamburg 2025) hergenommen und der öffentlichen Debatte im TV und bei sonstigen Auftritten für wert befunden – eine erstaunliche Resonanz, die die nationalen Aufsichtsbehörden sonst unterbinden.

So heißt das Schlusswort von Huiskens Streitschrift: „Die Einbildung, es sei immer irgendwie auch Sache des freien Subjekts, wie sich der Staat in der Kriegsfrage entscheide, wird durchaus von der Politik geschätzt – auch wenn da mal eine Ablehnung herauskommt. So bleibt der Wehrdienst als rein moralische Frage, der sich die Jugend stellen müsse, im Gespräch. Dafür lässt sich auch schon mal eine politische Kritik instrumentalisieren. Für die richtige Antwort wird dann schon gesorgt – was übrigens den Ole Nymoen inzwischen dazu bewogen hat, in diese Falle nicht mehr zu tappen.“

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Freerk Huisken, Schule, die 5. Gewalt – Die Zurichtung des Nachwuchses für Staat und Kapital. VSA (Hamburg) 2026, 152 Seiten, ISBN 978-3-96488-269-1, 14 Euro. Verlagswebsite: https://www.vsa-verlag.de/nc/buecher/detail/artikel/schule-die-5-gewalt/ Autorenwebsite: https://www.fhuisken.de/ Kontakt zum Autor: info@fhuisken.de

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Der Autor:

Johannes Schillo arbeitet als Autor, Journalist und Redakteur von Fachzeitschriften. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich in seinen Artikeln und Büchern mit aktuellen Fragen aus (Weiter-)Bildung und Kultur. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Ein nationaler Aufreger – Zur Kritik der Erinnerungskultur“ (Klemm + Oelschläger, 2022) und (zusammen mit Norbert Wohlfahrt) „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“ (VSA, 2023).