Europas Stahlindustrie vergesellschaften

Die Stahlkrise offenbart die Grenzen der Profitorientierung – und liefert Argumente für die Überführung der Stahlproduktion in öffentliches Eigentum

Von Alexandra Gerasimcikova

Der europäische Stahlsektor ist in der Krise. Auf den ersten Blick scheinen die hohen Energiepreise auf dem Kontinent, die nun durch den Irankrieg weiter steigen, dafür verantwortlich zu sein. Die eigentliche Problematik liegt jedoch woanders: Die Branche läuft Gefahr, immer geringere Gewinne an Unternehmensleitungen und Shareholder auszuschütten. Inmitten dieser Schwierigkeiten bietet sich für die Linke die Chance, starke Argumente für eine Vergesellschaftung der Stahlindustrie und für eine umfassendere Reform der europäischen Energiemärkte vorzubringen.

Da die Gaspreise in Europa infolge des illegalen Krieges der USA und Israels gegen den Iran bereits um 70 Prozent in die Höhe geschossen sind, befindet sich die energieintensive Industrie des Kontinents derzeit erneut in Alarmbereitschaft. Die Stahlindustrie bildet keine Ausnahme. Dabei wird der Druck noch verstärkt, den günstige Importe und die weltweite Überproduktion ohnehin bereits ausüben, was in der Branche als „existenzielle Bedrohung der europäischen Stahlindustrie“ bezeichnet wird.

Doch die Krise der EU reicht noch viel tiefer.

Die Stahlhersteller der Union werfen globalen Wettbewerbern – und damit insbesondere China als größtem Stahlproduzenten der Welt – oft vor, dass sie den Markt mit zu viel Stahl fluteten. Doch Europa hat auch ein selbstgemachtes Überproduktionsproblem. Obwohl die Produktionskapazität der EU bei ungefähr 198 Megatonnen produziertem Stahl jährlich liegt, sank die heimische Stahlproduktion 2025 auf 125,8 Megatonnen, was in der Branche als „historisches Tief“ gilt. Der fortwährend niedrige Bedarf an Stahl für die Autoherstellung und im Baugewerbe zwang Stahlhersteller dazu, ihre Produktion herunterzuschrauben.

Mit solchen Krisen hat die Stahlerzeugung in Europa immer wieder zu kämpfen. Nun kommt eine weitere hinzu: die Dekarbonisierung. Die Stahlindustrie ist eine der umweltschädlichsten Branchen der Welt und für 8 bis 10 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich.

Stahlkrise und Dekarbonisierung

Die Forderungen zur Dekarbonisierung dürften aller Wahrscheinlichkeit nach nur lauter werden. Die konventionelle Stahlproduktion mit fossilen Brennstoffen und Hochöfen wird in der EU in den 2030er Jahren aufgrund zu hoher Kosten für Kohle nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Die EU-Institutionen konzentrieren sich in erster Linie darauf, die Profite privater Stahlhersteller zu subventionieren, um deren Abwanderung ins Ausland, wo die Kosten für Energie und Umweltverschmutzung geringer sind, zu verhindern. Doch gleichzeitig schließen sich Gewerkschaften und linke Akteur*innen in Europa zu einer Bewegung zusammen, die einen alternativen Weg fordert: die Vergesellschaftung der Stahlproduktion.

Im November 2025 verabschiedete die französische Nationalversammlung einen Gesetzesentwurf mit dem Ziel, die ArcelorMittal-Standorte in Frankreich zu verstaatlichen. Dies geschah in Reaktion auf die Weigerung des Unternehmens, in kohlefreie Stahlproduktion zu investieren, und aufgrund seiner Pläne, 1.600 Arbeitsplätze abzubauen – ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen die Stahlherstellung außerhalb Europas priorisieren wollte. Vorgeschlagen wurde das Gesetz von der Partei La France Insoumise, um die Mobilisierung der Metallarbeiter*innen in Frankreichs größter Gewerkschaft, der Confédération Génerale du Travail (CGT), zu unterstützen. Der Senat lehnte das Gesetz anschließend zwar ab, doch der Kampf geht weiter.

Dieser Stellenabbau und verworfene Investitionen in Dekarbonisierung stellen in der Branche keinen Einzelfall dar. In Deutschland kündigte ThyssenKrupp die Streichung von 10.000 Stellen an, und ArcelorMittal sagte ein Projekt zu grünem Stahl ab, obwohl das Unternehmen bereits Subventionen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro von der deutschen Bundesregierung erhalten hatte. Vor diesem Hintergrund sprach sich auch die Partei Die Linke vor kurzem für die Vergesellschaftung von Stahl aus. Im italienischen Tarent übernahm die Regierung für kurze Zeit das am Rande des Bankrotts stehende Ilva-Stahlwerk; ArcelorMittal war ebenfalls Miteigentümer. Die Regierung verklagte das Unternehmen auf sieben Milliarden Euro Schadensersatz aufgrund von Managementfehlern. Diese Intervention erfolgte auch als Reaktion auf über ein Jahrzehnt schwerwiegender Umwelt- und Gesundheitsschäden, die mit den toxischen Emissionen der Produktionsstätte in Verbindung gebracht wurden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte Italien dafür, dass es seine Bevölkerung nicht vor industrieller Verschmutzung geschützt hatte. 

Für die Produktion von „grünem Stahl“ gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Man nutzt erneuerbaren Wasserstoff und Direktreduktionsanlagen, um Eisenerz zu reduzieren und Eisenschwamm (auch DRI – für direct reduced iron – genannt) zu produzieren. Das gewonnene Eisen wird dann in Elektrolichtbogenöfen, die mit erneuerbaren Energien angetrieben werden, verarbeitet. Dieses Verfahren gilt heute weithin als die praktikabelste Methode zur Dekarbonisierung der Primärstahlproduktion, die beispielsweise für die Automobilherstellung wichtig ist. Zweitens: Die Sekundärstahlproduktion wird weiter ausgebaut und Stahl durch das Recyceln von Metallresten in elektrischen Öfen gewonnen.

Doch für die Umstellung der Produktion von fossilen Brennstoffen auf grünen Stahl braucht es große Mengen an Energie. Bis 2030, das heißt in nur vier Jahren, könnte die Menge an erneuerbarem Strom, die für die von der EU geplanten kohlenstoffarmen Stahlprojekte benötigt wird, den Gesamtstromverbrauch Belgiens übertreffen. Und auch in anderen Branchen, die Dekarbonisierung anstreben, steigt der Strombedarf. Hinzu kommt, dass selbst betriebsfähige Initiativen für grünen Stahl innerhalb der EU nur etwa 24 Prozent des gesamten primären Stahlsektors dekarbonisieren könnten.

Schwedens HYBRIT-Projekt

Selbst Europas vielversprechendstes Projekt für grünen Stahl, das erneuerbaren Wasserstoff nutzt, hatte Probleme bei der Skalierung, hauptsächlich aufgrund der Energiekosten. HYBRIT, ein Gemeinschaftsunternehmen des Stahlherstellers SSAB, des staatlichen Bergbauunternehmens LKAB und des Energieversorgers Vattenfall, produzierte in seiner Pilotphase 2021 das weltweit erste durch erneuerbaren Wasserstoff gewonnene Schwammeisen.

Für den Aufbau einer Musterfabrik strebte LKAB den Abschluss eines langfristigen Stromliefervertrages mit Vattenfall an. Doch Vattenfall, ein Unternehmen in Staatsbesitz, bestand darauf, langfristige Strompreise zu sichern, die höher liegen als von der LKAB gewünscht, bevor es sich zum Bau neuer Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien verpflichtet. Die EU-Kommission hatte solche Abkommen als mögliche Strategie zum Umgang mit der Energiekrise der Stahlindustrie vorgeschlagen.

Doch Strompreise sind nicht das einzige Problem: Selbst mit entsprechenden Abkommen würde eine einzige Musterfabrik den Energieverbrauch Schwedens um fast vier Prozent steigern.

Keine Wasserstoffressourcen

In Anbetracht der immensen Stromanforderungen überrascht es nicht, dass die erneuerbare Wasserstoffproduktion auf industriellem Niveau noch nicht ins Rollen gekommen ist. Projekte zur Herstellung von Wasserstoff mittels Wasserelektrolyse werden weltweit ausgesetzt oder eingestellt. In Europa gibt es derzeit keine groß angelegten elektrolysebasierten Wasserstoffkapazitäten für die Stahlindustrie; insgesamt machen diese ohnehin nur 0,5 Prozent der von der EU für 2030 prognostizierten Elektrolysekapazitäten aus.

Um erfolgreich zu sein, muss die Entwicklung erneuerbaren Wasserstoffs sich daher auf Branchen konzentrieren, in denen es keine Alternativen gibt und Wasserstoff effizient angewendet werden kann. In staatlicher Hand und mit strategischer Planung könnte man hier schneller vorankommen, als wenn Investitionen privaten Märkten überlassen werden, die sich Rendite erhoffen. Dazu zählen auch Erdölraffinerien, die um knappe Wasserstoffressourcen konkurrieren.

Doch Europa weigert sich, in der Realität anzukommen, und hofft darauf, dass Exportländer wie Namibia mit grünem Eisen und Wasserstoff dienen können. Solche Drittstaaten können angeblich beides günstiger produzieren, da sie über mehr Ressourcen für erneuerbare Energien (wie Landmasse und Sonnenschein) verfügen. Doch auch dort kommen entsprechende Projekte nicht voran, und es ist unklar, wie viel grünes Eisen wirklich produziert wird. Ein solches geplantes Wasserstoffprojekt sieht beispielweise vor, dass Solarpanels und Windräder in Namibia auf einer Fläche angelegt werden, die der von Berlin entspricht. Es ist schwer vorstellbar, dass in Europa eine solche Fläche für ein derartiges Vorhaben zur Verfügung gestellt wird, was die logistischen Grenzen und neokolonialen Implikationen solcher Strategien deutlich macht.

Da eine zuverlässige Versorgung mit erneuerbarem Wasserstoff noch nicht in Sicht ist, planen einige Stahlhersteller wie ThyssenKrupp, ihre „wasserstofffähigen“ Anlagen mit Erdgas zu betreiben, während andere wie ArcelorMittal ihre DRI-Investitionen in Europa eingestellt haben. In der Zwischenzeit lieferte das chinesische Unternehmen HBIS Stahlbrammen mit einem um 50 Prozent geringeren Kohlenstoffgehalt an Italien – ein Angebot, das in Europa derzeit „fast unmöglich“ zu bekommen ist –, hergestellt mithilfe von Koksofengas in Direktreduktionsanlagen.

Erdgas als Übergangsbrennstoff zu verwenden, bedeutet ein Risiko, da dafür teure Infrastruktur aufgebaut werden muss, ohne die Dekarbonisierung voranzubringen. Selbst wenn erneuerbarer Wasserstoff irgendwann verfügbar sein sollte, wird es unmöglich sein, die gesamte Stahlproduktion der EU zu dekarbonisieren. Es muss also die schwierige politische Entscheidung getroffen werden, in was investiert werden soll. Entweder kann die EU weiter auf Rentabilität setzen oder langfristige soziale und umweltpolitische Prioritäten angehen.

Die Ziele, eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren und als Basis für eine kohlenstoffarme Wirtschaft nur so viel zu produzieren, wie gebraucht wird, stehen deutlich im Widerspruch zur Rentabilität. Was wäre, wenn weniger ressourcenintensive SUVs verkauft und stattdessen in öffentliche Verkehrsmittel und die Infrastruktur investiert würde? Was, wenn der Wohnungsbau effizienter wäre und somit weniger Ressourcen bräuchte? Erfordert eine Nachfrage nach grünem Stahl wirklich die Aufrüstungsagenda der EU und jener Branchen, die „umweltfreundliche“ Panzer und Waffen herstellen?

Bedürfnisse über Profite

Der inhärente Widerspruch zwischen industrieller Dekarbonisierung und Rentabilität kann nicht durch Subventionen in Milliardenhöhe oder handelspolitische Maßnahmen überbrückt werden – und auch nicht allein durch Teilverstaatlichungen im Notfall. Es braucht eine Strategie nach dem Prinzip des gemeinschaftlichen Eigentums, die diese strukturellen Spannungen benennen und sie angehen kann, um eine starke, soziale und umweltfreundliche Stahlindustrie (und Wirtschaft) aufzubauen.

Dafür muss man allerdings über den Tellerrand der Marktwirtschaftslogik, die vereinzelte Verstaatlichungen zwar erlaubt, aber für die Vorteile einer breiteren Vergesellschaftung blind ist, hinausschauen. Vergesellschaftung bedeutet gemeinschaftliches Eigentum und ein kollektives Mitspracherecht, aber auch die Priorisierung von Bedürfnissen über Profite. Angesichts der hohen Gewerkschaftsmitgliedschaft und der engen Verbundenheit zwischen großen Stahlwerken und ihren umliegenden Regionen bietet dieser Sektor einen guten Ausgangspunkt für die schrittweise Ausweitung dieses Modells.

Vergesellschaftung könnte die Nachfrage nach grünem Stahl in Schlüsselsektoren wie dem Wohnungsbau, den erneuerbaren Energien und dem öffentlichen Verkehrswesen stabilisieren. Außerdem könnte sie Arbeitnehmer*innen vor plötzlichen Werkschließungen schützen, Arbeitsplätze sichern und durch langfristige Planung für soziales und wirtschaftliches Wohlergehen sorgen.

In Verbindung damit könnte eine ambitionierte Kampagne zur Vergesellschaftung der Energieversorgung und zur Reform des europäischen Strommarktes folgen. In seiner derzeitigen Form bindet der Markt die Strompreise an den Gaspreis und lässt dabei oft die Vorteile der nahezu kostenlosen Stromerzeugung durch erneuerbare Energien außer Acht. Angesichts der Tatsache, dass die Kriege der USA und Israels der Arbeiterklasse weltweit wahrscheinlich eine schwere Wirtschaftskrise bescheren werden, könnte eine solche Kampagne zeigen, dass eine andere Wirtschaftsform möglich ist.

Indem sie Vorschläge zur Vergesellschaftung der Industrie mit beliebten Anliegen – wie dem Sozialwohnungsbau und der Daseinsvorsorge, dem Klimaschutz und einer kohlenstoffarmen Wirtschaft – verbindet, kann die europäische Linke ein einheitliches Zukunftsbild der Sozialwirtschaft zeichnen und so den Rückhalt gewinnen, den es braucht, um diese Ziele zu erreichen.

———–

Die Autorin:

Alexandra Gerasimcikova ist Projektmanagerin im Brüsseler Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo sie zu den Themen Handel, Klima und Energie arbeitet.

 

 

 

 

 

 

Quelle:  https://www.rosalux.de/
Der Text ist zunächst auf der Seite des RLS-Büros in Brüssel in englischer Sprache erschienen.
Bild: nrw IGM