Der Kapitalismus ist am Ende, der Sozialismus marxistisch-leninistischer Bauart ein für allemal diskreditiert, so ein vielfach geteilter Standpunkt der Globalisierungskritik. Kann Jesus da dem Antikapitalismus neue Impulse geben?
Von Johannes Schillo
Es ist schon merkwürdig: Der vorletzte Papst wurde als schärfster Kapitalismuskritiker gehandelt, für den gegenwärtigen ist das Armutsproblem zentral, wobei er sich nicht von seinem Vorgänger distanziert, aber gleichzeitig an den Antimodernismus der katholischen Soziallehre anknüpft. Und an deren Strahlkraft erbauen sich heutzutage ganz unterschiedliche Zeitgenossen – von J.D. Vance über die Sozialausschüsse der CDU bis zu Bodo Ramelow.
„Jesus ist ein Linker“, so SPD-Fraktionschef Matthias Miersch Ende 2025 in einem Interview, was Bodo Ramelow, religionspolitischer Sprecher der Links-Fraktion im Bundestag, dann gleich für seine Partei reklamierte, da angeblich „christliche Gesellschaftslehre wie auch linke und progressive Politik auf Gemeinschaft“ setzen. Das schreibt der ehemalige Thüringer Regierungschef jedenfalls im Geleitwort zu einem Sammelband der Theologen Ulrich Peter und Franz Segbers, der gerade bei VSA erschienen ist (daraus, so weit nicht anders angegeben, die folgenden Zitate). Gegen den alten Bebel-Spruch setzen die Autoren die Gegenposition: „Nicht wie Feuer und Wasser – Religion und Sozialismus“. Sie wollen, wie es im Untertitel heißt, vielmehr zeigen, „was wir von der Weimarer Zeit lernen können“.
Christlicher Sozialismus?
Dazu wird an die Geschichte des „Bundes der Religiösen Sozialisten in Deutschland“ (BRSD) erinnert, der in den 1920er Jahren gegründet wurde und die wichtigste Erscheinung in dieser Miniszene darstellte. Die Randstellung wird von den Autoren auch keineswegs unterschlagen. „Christlich religiös-sozialistische Vorstellungen wurden immer gegen den Widerstand der etablierten reaktionären Klassenkirchen vertreten“, schreiben sie im Rückblick auf die Weimarer Zeit. Dasselbe galt übrigens für antifaschistische Vorstellungen. „Der BRSD“, heißt es, „war bis zu seinem Ende 1933 die mit Abstand wichtigste Kraft gegen die Faschisierung der Kirchen“ – eine Feststellung, die vor allem eins erkennen lässt: wie geschlossen die Kirchen sonst den nationalen Aufbruch und den Übergang in den faschistischen Staat mittrugen.
Für deutsche Protestanten war das ja sowieso eine Selbstverständlichkeit. Aber auch die Katholiken, die mit ihrem „ultramontanen“ Oberhaupt eher den Verdacht einer nationalen Unzuverlässigkeit auf sich zogen, leisteten hier treue Dienste, gerade mit ihren profaschistischen Päpsten Ratti (Pius XI.) und Pacelli (Pius XII.). Pacelli hatte ja noch als Kardinalstaatssekretär 1933 das Reichskonkordat mit dem NS-Regime unter Dach und Fach gebracht, den Nazis also mit dem ersten großen völkerrechtlichen Vertrag eine außenpolitische Aufwertung verschafft. An diese Vorgänge sollte man speziell heute erinnern, wo wieder ein Krieg gegen Russland vorbereitet wird. Peter Bürger hat jüngst noch einmal darauf hingewiesen, dass die deutschen katholischen und evangelischen Kirchenleitungen bei Hitlers Vernichtungsfeldzug gen Osten mit über 20 Millionen Opfern assistierten, wofür sie niemals wirkliche „Kirchenbuße“ leisteten.
Nach 1933 beteiligten sich BRSD-Protagonisten am antifaschistischen Widerstand. Doch spielten sie in der Nachkriegsordnung kaum noch eine Rolle. Im Westen gab es ein dubioses „Nachleben“ mit wenigen Kleinstgruppen. Eine Gruppierung, die eine gewisse Aufmerksamkeit erregte und sich besonders durch die Ablehnung der SED und der DDR hervortat, „stand in der SPD auf dem rechten Flügel und positionierte sich bereits früh für die westdeutsche Wiederbewaffnung und eine klare Westorientierung.“ „Als die SPD 1959 mit dem Godesberger Programm das Christentum zu einer Quelle der Partei erklärte und Christen willkommen hieß“, begann dann der totale Niedergang der Bewegung – passenderweise, denn die SPD verabschiedete sich ja gerade ‚mit Godesberg‘ explizit vom Standpunkt einer Partei, die die Emanzipation der Arbeiterklasse im Auge hat. „In der DDR“ übrigens „galt lange eine Einschätzung des religiösen Sozialismus als ‚antisozialistische Ideologie‘.“ Eine Ablehnung, die sich erst im Laufe der 1980er Jahre änderte.
Den Autoren der neuen Publikation ist natürlich diese Randstellung bewusst, sie fordern aber eine entschiedene Reaktivierung der Bewegung und wollen mit ihren zeitgeschichtlichen Dokumenten belegen, dass die Synthese möglich und sogar geboten ist und dass das alte Verdikt Bebels, Sozialismus und Christentum stünden sich gegenüber wie Feuer und Wasser, schon empirisch keinen Bestand hat. In einer Hinsicht kann man den Autoren zustimmen, was z.B. die Website IVA mehrfach, beginnend mit dem Beitrag „Oh Gott, katholische Kapitalismuskritik!“, zum Thema gemacht hat: Ja, es gab und gibt einen religiösen Antikapitalismus. Es fragt sich nur, was dieser kritisiert und ob er mit einem sozialistischen Programm zusammengeht. Ob also gegen den heutigen zerstörerischen Kurs des Kapitalismus, der „die Grundlagen des Lebens selbst auf dem Planeten gefährdet“, nur die „Bundesgenossenschaft“ von Christen und Sozialisten Abhilfe schaffen kann, wie es Peter und Segbers vertreten.
„Auf in den Gottesstaat“?
Das sehen Trump und sein katholischer Vize J.D. Vance bekanntlich genau umgekehrt. Sie wollen mit Gottes (direktem?) Beistand weltweit einen entfesselten Kapitalismus durchsetzen, was natürlich wesentlich schwerer wiegt als gewisse historische Reminiszenzen in puncto christlicher Sozialismus. Denn Vance wird möglicherweise bald für das Amt des mächtigsten Menschen auf dem Globus kandidieren, und seit seiner Konversion zu Trump und Gott (wie der hl. Augustinus kannte Vance auch eine wilde Jugendphase) fühlt er sich vor allem von der katholischen Soziallehre „angezogen“ – „die er als gesellschaftspolitisches Allheilmittel anpreist“ (FAZ, 20.6.26). In seiner neue Publikation „Communion“ (2026) bezieht er sein politisches Programm ja vor allem auf seinen „way back to faith“. Darauf reagierte die FAZ mit einer Rezension unter der Überschrift „Auf in den Gottesstaat“ – ohne Fragezeichen! Ja, für Klartext ist das Blatt, speziell wenn’s ums Ausland geht, immer gut. Es fehlt nicht an spitzen Bemerkungen, die auf die Widersprüche dieses US-Frömmlers hinweisen, und es wird sogar die „Klassenfrage“ aufgeworfen.
Natürlich hat in der Catholica jemand anders das Sagen, nämlich Papst Leo XIV., der sich mit seiner Namenswahl passenderweise in die Tradition von Leo XIII. stellte, dem Begründer, zumindest Verkünder der modernen katholischen Soziallehre. Der warnte damals mit seiner Sozialenzyklika „Rerum novarum“ (1891), die ganz dem Geist des Antimodernismus verpflichtet ist, vor dem „Geist der Neuerung“: Der habe schon auf dem politischen Gebiet „seine verwerflichen Wirkungen“ entfaltet, nämlich allerlei demokratische Unsitten (z.B. Religions- und Gewissensfreiheit) eingeführt und erstrecke sich nun auch aufs „volkswirtschaftliche Gebiet“, wo die Zusammenschlüsse der Arbeiter für Unruhe sorgten und der Obrigkeit Schwierigkeiten bereiteten (siehe RN, Nr. 1).
Auf dies Weise kam kirchlicherseits ein älterer Gedanke wieder zu Ehren, dass man nämlich der Geldwirtschaft mit ihren Entartungen wie Zinswucher und Geldgier (im berühmten „Tanz ums goldene Kalb“ verewigt) Einhalt gebieten müsse. Der Kapitalismus – so der Grundtenor der modernen Soziallehre, die freilich von Leo über „Papa buono“ Roncalli bis zum gediegen antikommunistischen Wojtyla gewisse Konjunkturen erlebt hat – sei nur mit gewissen Regulierungen und Beschränkungen vertretbar. Im Blick auf sein „individuelles“, „ungezügeltes Gewinnstreben, das „ohne Rücksicht“ auf die „Gemeinschaft“ betrieben werde, wie es heute der Katholik Ramelow formuliert, müsse der Staat einschreiten. Dies natürlich auch und vor allem, wie der alte Leo Ende des 19. Jahrhunderts klar machte, um unzufriedene Arbeiter von ihren umstürzlerischen Gedanken abzubringen und die staatliche Autorität zu festigen.
Im Prinzip, das sei hier in aller Kürze gesagt, ist die katholische Soziallehre auch unter dem neuen Leo dieser Linie treu geblieben. Das gewerkschaftsforum.de hat an Heiligabend 2025 in einem „Update der katholischen Kapitalismuskritik“ dessen Meisterleistung gewürdigt, die harschen Worte seines Vorgängers Franziskus („Diese Wirtschaft tötet“) in eine zeitgemäße Fassung von Nächstenliebe einzubauen und somit das „seltsame soziale Programm“ zu erneuern, „Armut eigentlich nicht abzuschaffen, sondern zum Orientierungspunkt eines frommen Lebens, ja zu einem Ort der Gottesbegegnung zu machen“. Päpste bleiben, unbestritten, auf dies Weise „lästige Mahner“. Leo, der gebürtige US-Amerikaner Prevost, geriet sogar mit Trump aneinander, logischerweise, da er – und nicht der US-Präsident – der Stellvertreter Gottes auf Erden ist. Der IVA-Beitrag hatte ja auch erwähnt, dass die Kurie mit US-Vize Vance aneinander geraten war, der die „Ordo-Amoris“-Interpretation des hl. Augustinus für die fremdenfeindliche Linie der US-Politik in Anspruch nehmen wollte (= Nächstenliebe gilt zunächst den Nächsten, nicht den Fernstehenden…).
Nur muss man hier in Rechnung stellen, dass Leo sich in seinem ersten sozialen Rundschreiben „Dilexi te“ (DT, Nr. 44ff) gleichzeitig auf den Liebesbegriff dieses berühmten Kirchenvaters stützt, der voller Schadenfreude das künftige Schicksal der Ungläubigen im ewigen Höllenfeuer samt dem Genuss der auserwählten Wenigen an Gottes Seite ausmalte – per saecula saeculorum. Armut soll demnach eine bleibende Herausforderung darstellen. Und auch in seiner ersten richtigen Sozialenzyklika „Magnifica Humanitas“ hat sich der gegenwärtige Papst überhaupt nicht mit der Frage nach dem Kapitalismus und dessen möglicher Überwindung auseinandergesetzt, sondern sich bemüht, „die großen Entwicklungen unserer Zeit recht zu deuten, insbesondere die im Bereich der Technik“ (MH, Nr. 4).
Er hat ganz bieder wie im dialektischen Besinnungsaufsatz Fluch und Segen der Künstlichen Intelligenz erörtert und dazu die nötige politische Kontrolle verlangt oder etwas Ähnliches der Art, was schon tausendfach gesagt wurde. Wie die Deutsche Bischofskonferenz resümierte, entscheide sich die „Zukunft nicht daran, wie intelligent Maschinen werden, sondern daran, ob der Mensch menschlich bleibt“. Die Kirche soll sich laut Leo um das Gute in der Welt kümmern (wer hätte das gedacht) und „zusammen mit dem heiligen Augustinus sagen: ‚Auf dich hin hast du uns gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir‘.“ (MH. Nr. 11) Wegen der Gottesliebe, die im Herzen jedes guten Menschen zentral sein muss, hat man dann die Armen zu lieben. (Vgl. auch den Beitrag im Gewerkschaftsforum „Die Armen lieben?“.)
Alles in allem ein Programm, das mit dem sozialistischen Projekt, den Produktionszweck zu ändern und damit die Armut samt Klassengegensatz abzuschaffen, wenig zu tun hat. Da kann sich eher ein Bodo Ramelow bestätigt sehen. Seine Auslegung des Neuen Testaments als Aufruf zum Sozialismus hat ja ebenfalls eine eigenartige Schlagseite. Er sieht in seinem Geleitwort vor allem „vier Aspekte, die die Gemeinsamkeiten begründen“. Das seien erstens „die Sorge und das praktische Bemühen“ um die „Schwachen“ in unserer Gesellschaft, woraus sich die Notwendigkeit einer Reichensteuer ergebe; denn „die Entlastung von Menschen mit kleinen Einkommen, das ist doch auch ein christlicher Ansatz“. Bemerkenswert, dass in Ramelows sozialistischem Gesellschaftsentwurf Starke und Schwache, also Klassenunterschiede vorkommen, die bei der staatlichen Geldbeschaffung zu berücksichtigen und dafür in ein ausgewogenes, sozialpartnerschaftliches Verhältnis zu bringen sind. Welcher Vertreter der sozialen Marktwirtschaft wollte da widersprechen!
Zweitens setzen laut Ramelow, wie bereits erwähnt, „sowohl die christliche Soziallehre wie auch linke und progressive Politik auf Gemeinschaft“ und lehnen das rücksichtslose Gewinnstreben ab. Na ja, auch nichts speziell Sozialistisches! Das tun ebenfalls Faschisten, die auf den nationalen Arbeitsdienst an der Volksgemeinschaft großen Wert legen. Und in der demokratischen Kriegswirtschaft, wie wir sie momentan erleben, verlangt der Staat ebenfalls von den Kapitalisten, auf seine politischen Absichten Rücksicht zu nehmen. „Drittens leitet sich daraus aus meiner Sicht eine ähnliche, jedoch nicht identische Kritik am heutigen Kapitalismus ab: Ausbeutung, ungezügeltes Gewinnstreben und die Konzentration von Vermögen, das sind Zustände, die niemals Gerechtigkeit ermöglichen“. Hier ist Ramelow vorsichtig, Fusionen und kartellrechtliche Fragen sind ja auch bei Jesus kein Thema. Aber es ist klar, was angestrebt werden soll: eine gerechte Verteilung durch den Staat, der eben, wie eingangs festgestellt, den „Starken“ einiges zumutet, statt alles von den „Schwachen“ erledigen zu lassen. Dass es um eine solche anständige Staatsmacht geht, bestätigt dann der letzte Punkt, der Klartext redet: „Viertens sind die Verteidigung von Menschenwürde und -rechten, Demokratie und Mitbestimmung sowie Freiheit – auch Religionsfreiheit! – Aspekte, die Bande knüpfen.“
Man beachte, die „Verteidigung der Freiheit“ ist mit im Programm, passend zu Ramelows Plädoyer für eine starke Bundeswehr, die zur Verteidigung der BRD – aber nicht nur dazu, sondern auch von „Würde“ und „Rechten“ – in der Lage sein soll. Fazit seiner Vision: ein starker Staat, der seine Gesellschaft im Griff hat und auf ein tätiges Volk zugreifen kann. Natürlich ein sozialdemokratisches Ideal. Aber sicher keine Idee, mit der sich Jesus oder Marx angefreundet hätten.
Nachweise:
Ulrich Peter/Franz Segbers (Hrsg.), Nicht wie Feuer und Wasser – Religion und Sozialismus: Was wir von der Weimarer Zeit lernen können. Mit einem Geleitwort von Bodo Ramelow. Hamburg (VSA) 2026.
Johannes Schillo, Geliebte Armut – Jüngst verpasste Papst Leo XIV. mit seinem ersten Apostolischen Schreiben »Dilexi te« der katholischen Kapitalismuskritik ein Update. In: Junge Welt, 10.12.2025.
J.D. Vance, Communion – Finding My Way Back to Faith. New York (Harper Collins) 2026.
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Der Autor:
Johannes Schillo arbeitet als Autor, Journalist und Redakteur von Fachzeitschriften. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich in seinen Artikeln und Büchern mit aktuellen Fragen aus (Weiter-)Bildung und Kultur. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Ein nationaler Aufreger – Zur Kritik der Erinnerungskultur“ (Klemm + Oelschläger, 2022) und (zusammen mit Norbert Wohlfahrt) „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“ (VSA, 2023).
Bildbearbeitung: L.N.