Manchmal braucht es keine Satire mehr. Man muss die Nachrichten nur in der richtigen Reihenfolge lesen. Am 20.07.26 meldet die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ), Volkswagen könnte sein Osnabrücker Werk für den symbolischen Preis von einem Euro an ein neues Gemeinschaftsunternehmen mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael abgeben. Das Land Niedersachsen soll sich nach Informationen der NOZ mit zunächst zehn Prozent beteiligen und dafür möglicherweise bis zu 200 Millionen Euro aufbringen; auch zwanzig Prozent stehen im Raum. Rafael will den Standort nutzen, um Raketensysteme für den europäischen Markt zu produzieren.
Volkswagen wäre ein defizitäres Werk los, dessen Schließung erheblich teurer käme.1
Das Land könnte mit öffentlichem Geld die Umrüstung finanzieren. Fast gleichzeitig beschäftigt Osnabrück ein anderes Problem. Unmittelbar neben dem Werk soll das Lokviertel entstehen, ein neues Stadtquartier für rund 3.000 Menschen. Volkswagen klagte gegen den Bebauungsplan, weil künftige Bewohner wegen des Produktionslärms gegen das Werk vorgehen könnten. Für die Stadt war das höchst unangenehm: Eine anhängige Normenkontrollklage gefährdete Landesfördermittel; allein die äußere Erschließung des Viertels könnte rund 100 Millionen Euro kosten. Also wurde ohne Öffentlichkeit an geheimen Ort verhandelt. Neun Stunden lang saßen Volkswagen, Stadt, Staatskanzlei, Ministerpräsident Olaf Lies und Oberbürgermeisterin Katharina Pötter zusammen. Heraus kam ein »vertragliches Regelungswerk«. Investoren sollen verpflichtet werden, auf spätere Klagen gegen den Werkbetrieb zu verzichten. Künftige Mieter werden darauf hingewiesen, dass es draußen etwas lauter werden könne.
Das Werk könnte anschließend theoretisch rund um die Uhr produzieren. Auch letzte Bedenken Rafaels sollen damit beseitigt worden sein. Mensch muss schon ziemlich fest an die Weisheit der herrschenden Verhältnisse glauben, um beim Nachdenken über eine mögliche Raketenfabrik mitten in der Stadt zu allererst auf den Lärmpegel in Wohnneubauten in direkter Nachbarschaft in Dezibel zu kommen. Die zukünftigen Bewohner des Lokviertels sollen also wissen, dass nachts vielleicht Maschinen laufen. Dass wenige hundert Meter entfernt möglicherweise Raketentechnik für europäische Armeen produziert wird, scheint dagegen bislang keiner besonderen Aufklärung zu bedürfen.
Krieg ist Frieden. Rüstung ist Zukunft.
Michael Kohler erinnert in seinem Essay »Aufrüstung als Bumerang« an George Orwells Begriff des Doppeldenk.2,3 Dessen Pointe besteht nicht in der gewöhnlichen politischen Lüge. Doppeldenk verlangt mehr: Zwei einander widersprechende Aussagen sollen gleichzeitig geglaubt werden. Der Widerspruch verschwindet nicht, weil er argumentativ widerlegt worden wäre. Er verschwindet aus dem Bewusstsein.
»Krieg ist Frieden« war bei Orwell die klassische Formel dafür. Heute heißt es Abschreckung schaffe Sicherheit, Aufrüstung verhindere Krieg, militärische Handlungsfähigkeit sichere Frieden. Kohlers entscheidender Hinweis lautet, dass solche Formeln ihre politische Wirksamkeit nicht trotz ihrer offenkundigen Widersprüche entfalten, sondern auch durch sie: Wer sich daran gewöhnt, Gegensätze gleichzeitig für wahr zu halten, verliert irgendwann die Fähigkeit, sie überhaupt noch als Gegensätze wahrzunehmen.
Osnabrück liefert dazu inzwischen konkretes Anschauungsmaterial.
Eine Milliardenbranche, deren Produkte für Krieg hergestellt werden, heißt »Sicherheitsindustrie«. Die Umrüstung einer zivilen Fabrik in eine Rüstungsfabrik heißt »Transformation«. Die Produktion von Raketentechnik heißt »Standortsicherung«. Öffentliches Geld in hunderte Millionengröße für die Umrüstung einer Autofabrik zur Waffenproduktion heißt »Industriepolitik«. Und eine Stadt, die sich selbst in Erinnerung an den Westfälischen Frieden »Friedensstadt« nennt, beseitigt planungsrechtliche Hindernisse, damit dort künftig möglichst störungsfrei militärisch produziert werden kann. Die sprachliche Umrüstung geht der militärischen Aufrüstung voraus.
Vom Standort in den Unterstand
Selbst das unschuldig wirkende Lieblingswort der deutschen Wirtschafts- und Gewerkschaftspolitik hat eine bemerkenswerte Geschichte: der Standort. Kaum ein Werk heißt heute noch Fabrik. Es ist ein Industrie-Standort. Beschäftigte arbeiten am Standort. Arbeitsplätze werden am Standort gesichert. Politiker kämpfen für den Standort Deutschland. Gewerkschaften verteidigen Standorte. Betriebsräte übernehmen Standortverantwortung.
Das Wort klingt technisch, neutral, geradezu alternativlos. Nur stammt der Begriff und das dahinter stehende Begreifen der Realität historisch aus einer anderen Welt. Der Begriff »Standort« wurde ursprünglich für die Garnison verwendet, also den Ort, an dem Truppen dauerhaft stationiert waren. Noch heute führt der Duden neben der allgemeinen und wirtschaftlichen Bedeutung ausdrücklich die militärische: den Ort, an dem Truppenteile, militärische Dienststellen und Einrichtungen ständig untergebracht sind.4 Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge hat schon vor mehr als zwanzig Jahren auf diese militärische Herkunft der späteren ökonomischen »Standort«-Metaphorik und ihre unmittelbare Verzahnung mit der in ihrem Schatten betriebenen Rücknahme demokratischer und sozialer Reformen hingewiesen.5 Das muss mensch nicht überstrapazieren.
Sprache besitzt keine geheime Vorsehung.
In Osnabrück entwickelt die Wortgeschichte allerdings eine gewisse zynische Eigendynamik. Aus der Karmann-Fabrik wurde der VW-Standort. Am Standort wird künftig womöglich Raketentechnik produziert. Im Krieg suchen Belegschaft und Nachbarschaft dann den nächstgelegenen Unterstand auf. Die denklogische Route wird damit ziemlich kurz: Vom Standort in den Unterstand, vom Unterstand aufs Schlachtfeld, vom Schlachtfeld ins Massengrab.
Wer das für sprachliche Zuspitzung hält, sollte einen Blick darauf werfen, was aus »Standorten« wird, sobald aus der behaupteten Kriegsvorbereitung Krieg geworden ist.
Das Militärziel nebenan
Eine Waffenfabrik ist nicht automatisch und unter allen Umständen ein »legitimes Angriffsziel«. Das humanitäre Völkerrecht kennt dafür konkrete Voraussetzungen. Militärische Ziele sind Objekte, die nach ihrer Art, ihrem Standort, ihrem Zweck oder ihrer Nutzung wirksam zu militärischen Handlungen beitragen und deren Ausschaltung unter den jeweiligen Umständen einen eindeutigen militärischen Vorteil verspricht. Selbst dann bleiben insbesondere das Verhältnismäßigkeitsgebot und die Pflicht zum Schutz der Zivilbevölkerung bestehen.6 Doch diese Definition macht die Osnabrücker Debatte nicht beruhigender. Eine Fabrik, in der Komponenten militärischer Raketensysteme hergestellt werden, kann im Krieg eben diese Kriterien des internationalen Kriegsvölkerrechts erfüllen. Dass Wohnhäuser unmittelbar danebenstehen, nimmt einem militärischen Objekt diesen Charakter nicht. Das IKRK weist ausdrücklich darauf hin, dass auch die Anwesenheit von Zivilisten innerhalb oder in der Nähe eines militärischen Zieles dieses nicht automatisch vor Angriffen schützt; sie verschärft vielmehr die Anforderungen an Verhältnismäßigkeit und Vorsichtsmaßnahmen.
Dieser Hinweis ist kein antimilitaristischer Alarmismus. Er beschreibt Kriegsalltag. Die Ukraine und Russland greifen seit langem gezielt Anlagen der gegnerischen Rüstungsproduktion an. Die Ukraine meldete etwa im Juni einen Angriff auf ein russisches Werk in der Region Woronesch, das Elektronik für Raketensysteme produziert.7 Russland wiederum traf am selben Tag nach Angaben des ukrainischen Drohnenherstellers General Cherry eine dessen Produktionsstätten. Noch eindringlicher ist ein Ereignis vom Juli. In Wyschnewe am westlichen Rand von Kiew traf eine russische Rakete ein Munitionslager. Die dort gelagerten Waffen explodierten anschließend stundenlang. Zehn Menschen starben, Hunderte Häuser wurden beschädigt. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij kündigte Konsequenzen gegen Verantwortliche des staatlichen Rüstungskonzerns Ukroboronprom an, weil Waffenlager in einem Wohngebiet untergebracht worden waren. Nach seinen Worten verstieß dies gegen geltendes Recht und militärische Anordnungen. Mensch kann den Zusammenhang kaum deutlicher vorgeführt bekommen. Ein militärisch relevantes Objekt wird angegriffen. Die Wirkung endet nicht am Werktor. Die Menschen in der Umgebung zahlen mit. In Osnabrück diskutiert man derweil über Schallschutzfenster…
Die Realität hat einen größeren Radius als der Bebauungsplan
Auch der derzeitige Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen und Iran auf der anderen Seite liefert Anschauungsunterricht darüber, wie schnell sich industrielle, militärische und zivile Räume im Krieg überlagern. Direkt zu Beginn des US-Israelischen Angriffs wurde in Minab eine Mädchenschule getroffen; mehr als 165 Kinder und weitere Menschen starben auf einem vorgeblichen Stützpunkt der Revolutionsgarden.8,9,10
Iranische Raketen und Drohnen haben inzwischen Ziele und Infrastruktur quer durch die Golfregion getroffen. Katar meldete Angriffe auf zivile Infrastruktur einschließlich des internationalen Flughafens. Auch Bahrain, Kuwait, Saudi-Arabien, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate wurden von Angriffen erfasst. Im März wurde Katars riesiger LNG-Komplex Ras Laffan getroffen; die Auswirkungen reichen über die Region hinaus, weil Katar einen erheblichen Teil des weltweiten LNG-Marktes versorgt.
Das bedeutet nicht, dass jeder dieser Angriffe völkerrechtlich zulässig wäre – im Gegenteil. Es bedeutet etwas Einfacheres: Im Krieg lösen sich die sorgsam gezogenen Trennlinien zwischen militärischer Infrastruktur, Industriegebiet, Verkehrswegen und Wohnbebauung erschreckend schnell auf. Die Rakete interessiert sich nicht für den Bebauungsplan.
Die zukünftigen Bewohner eines unmittelbar an eine Rüstungsfabrik angrenzenden Quartiers müssten also über deutlich mehr informiert und aufgeklärt werden als über möglichen Nachtlärm. Die Mietverträge sollten ergänzt werden: »Dem Mieter ist bekannt, dass in unmittelbarer Umgebung militärisch relevante Güter hergestellt werden können.« Und darunter: »Der Mieter erklärt sich mit den hieraus im Spannungs-, Verteidigungs- oder Kriegsfall möglicherweise entstehenden Begleiterscheinungen voll umfänglich einverstanden.«
Das klingt makaber. Eine Klausel über den zulässigen Außenlärmpegel einer künftigen Raketenfabrik ist es allerdings auch.
Dass die Verbindung von Rüstungsproduktion, Wohnbebauung und Kriegsrisiko keine spleenige Spezialfrage einiger Antimilitaristen ist, lässt sich derzeit in zwei anderen deutschen Städten beobachten. Berlin und Kassel: Im Berliner Wedding beziehungsweise Gesundbrunnen wird das ehemalige Pierburg-Werk, jahrzehntelang Standort ziviler Automobilzulieferung, von der Rheinmetall Waffe Munition GmbH auf die Fertigung von Komponenten für Artilleriemunition umgestellt. Die Umwidmung wird von öffentlichen Protesten und Aktionstagen begleitet. Das Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion stellt dabei ausdrücklich nicht nur die Frage, was dort künftig produziert wird, sondern auch, was es bedeutet, Kriegsindustrie mitten in einem dicht bewohnten Arbeiterbezirk anzusiedeln. In Kassel streiten Anwohner, Initiativen und Teile der Kommunalpolitik um das Henschelareal in Rothenditmold und die weitere Expansion von KNDS. Es geht um zusätzliche Flächen für Bürogebäude, Lager, Parkhaus und Infrastruktur der Rüstungsproduktion, um zusätzlichen Lkw-Verkehr und um ein Wohngebiet, in dem unmittelbar gegenüber einer geplanten Zufahrt sogar ein Hospiz liegt. Besonders bemerkenswert ist dabei ein Argument, das in Osnabrück bisher offenbar kaum jemanden beschäftigt: Während die Militarisierung voranschreite, spiele der Zivilschutz in den Planungen keine Rolle; dass Militärkonzerne mögliche Angriffsziele seien, gehöre zur historischen Erfahrung Kassels, und die Gefährdung der Bevölkerung durch Waffenindustrie mitten im Wohngebiet werde weitgehend ignoriert. Kassel weiß, wovon es spricht. Die Stadt war als Zentrum der deutschen Rüstungsproduktion im Zweiten Weltkrieg Ziel verheerender Bombenangriffe. Heute wächst sie erneut zu einer Rüstungsdrehscheibe heran. Der Unterschied zu Osnabrück – ebenfalls wegen seiner Rüstungsindustrie im zweiten Weltkrieg stark zerstört – besteht deshalb nicht darin, dass dort irgendwelche abstrakten Gefahren bekannt wären, die an der Hase unbekannt sein könnten. Der Unterschied besteht darin, dass darüber gestritten wird. In Kassel wird öffentlich gefragt, wem ein Stadtteil dienen soll – seinen Bewohnern oder der Expansion eines Rüstungskonzerns. In Berlin wird gegen die Umstellung eines zivilen Industriebetriebs auf Munitionsproduktion mobilisiert.
Und Osnabrück? Osnabrück lässt neun Stunden lang darüber verhandeln, wie sich zukünftige Bewohner rechtssicher daran hindern lassen, wegen des Lärms einer möglichen Rüstungsfabrik zu klagen. Das ist der eigentliche Unterschied. Nicht die Gefahrenlage. Sondern die Wahrnehmung der Gefahr. Und vielleicht noch schlimmer: die politische Bereitschaft, sie überhaupt (nicht) wahrnehmen zu wollen.
Ein Euro für Volkswagen, bis zu 200 Millionen vom Land
Die eigentliche Pointe des Osnabrücker Vorgangs liegt aber noch tiefer.
Volkswagen könnte das Werk für einen Euro abgeben. Nicht weil industrielle Produktionsanlagen plötzlich wertlos wären. Der Konzern möchte ein Problem loswerden. Eine Schließung würde Geld kosten. Also kann es wirtschaftlich vernünftig sein, das Werk nahezu zu verschenken, sofern ein anderer die Weiterführung übernimmt – bevorzugt mit staatlicher Abnahmegarantie für die zukünftigen Produkte – was läge da in kriegerischen Zeiten näher als die Rüstungsindustrie. Die niedersächsische Staatskanzlei argumentiert nach den Recherchen der NOZ selbst mit den höheren Kosten einer Schließung gegenüber der Umrüstung auf Kriegsproduktion.
Auf der anderen Seite stehen möglicherweise bis zu 200 Millionen Euro Landeskapital.
Ein Euro privat hinein. Bis zu 200 Millionen öffentlich hinterher. Das beschreibt ziemlich genau, was unter der »politischen Ökonomie der Kriegsvorbereitung«11,12,13 und »Konversion pervers«14 zu verstehen ist.
Der Staat tritt nicht erst am Ende auf, um eine bereits vorhandene industrielle Nachfrage zu regulieren. Er erzeugt diese Nachfrage. Er garantiert sie durch langfristige Rüstungshaushalte und Beschaffungsprogramme. Er verschuldet sich dafür. Er subventioniert Produktionskapazitäten. Und im Osnabrücker Fall könnte er nun sogar unmittelbar Kapital bereitstellen, damit eine zivile Fabrik für einen militärischen Markt umgebaut werden kann.
Das klassische Unternehmerrisiko wird dabei bemerkenswert übersichtlich. Während zivile Produkte Käufer finden müssen, sorgt bei Rüstungsgütern der Staat für den Markt. Während zivile Investitionen unter Rentabilitätsvorbehalt stehen, wird die militärische Nachfrage politisch garantiert. Während für Schulen, Krankenhäuser, Bahnstrecken oder kommunalen Wohnungsbau regelmäßig die Frage nach ihrer Finanzierbarkeit gestellt wird, besitzt die Aufrüstung mittlerweile privilegierten Zugriff auf Kredit und Staatshaushalt.
Hochverschuldete Kommunen stehen vor kaputten Schulen, maroden Brücken, geschlossenen Schwimmbädern und fehlendem Wohnraum. Gleichzeitig erzielen Rüstungskonzerne Rekordergebnisse. Gewerbesteuer wird zum Argument für die Ansiedlung von Waffenproduktion. Regionen mit wegfallenden industriellen Arbeitsplätzen konkurrieren um Unternehmen, deren Auftragsbücher durch öffentliche Aufrüstung gefüllt werden. Der Staat erzeugt also zunächst den privilegierten Militärmarkt und zwingt finanziell ausgehungerte Kommunen anschließend faktisch dazu, um dessen Früchte zu konkurrieren. Der Rüstungszug fährt – wer finanziell nicht unter die Räder kommen will, soll aufspringen. So entsteht Abhängigkeit: Erst wird Beschäftigung von Rüstungsaufträgen abhängig. Dann der kommunale Haushalt von der Gewerbesteuer. Dann Forschung von Militärprogrammen. Dann industrielle Entwicklung von staatlichen Beschaffungsplänen. Irgendwann bekommt Frieden ein ökonomisches Problem. Wer sein Werk mit Rüstung rettet, braucht Aufträge. Wer seine Gemeinde mit Gewerbesteuer eines Rüstungskonzerns finanziert, braucht dessen Gewinne.
Wer seine industrielle Zukunft an ständig steigende Militärbudgets bindet, braucht eine politische Lage, in der diese Budgets dauerhaft legitimierbar bleiben.
Ausgerechnet Katar
Zu den bemerkenswert entlarvendsten Absurditäten dieser Osnabrücker Provinzposse gehört allerdings, wer den Rafael-Deal zunächst ausgebremst hat. Es waren weder die Osnabrücker Friedenspolitik noch die Landesregierung, weder Betriebsrat noch IG Metall.
Es war Katar. Ausgerechnet der Golfstaat, auf dessen Territorium sich mit Al Udeid eines der wichtigsten militärischen Zentren der US-Kriegführung gegen Iran befindet und der deshalb selbst zum Ziel iranischer Raketen geworden ist15, bremste zunächst die Ansiedlung des israelischen Rüstungskonzerns Rafael bei Volkswagen – offenbar aus seinem eigenen Konfliktverhältnis zu Israel. Der unfreiwillige Beinahe-Konversionsinitiator war also weder die Friedensstadt Osnabrück noch die IG Metall, sondern ein absolutistisches Golfemirat, das zugleich militärischer Aufmarschraum der USA und wichtiger deutscher LNG-Lieferant ist.
Die Qatar Investment Authority verfügt über rund 17 Prozent der VW-Stimmrechte und stellt zwei Vertreter im Aufsichtsrat. Reuters berichtete im Juni, dass der Staatsfonds wegen des geplanten Geschäfts mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Bedenken angemeldet habe.16 Katar unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Israel und steht innen- wie außenpolitisch unter erheblichem Druck wegen des israelischen Genozids in Palästina.
Was drohte also die Konversion Pervers des VW-Werks in Osnabrück aufzuhalten? Nicht Pazifismus. Nicht Sorge um die Beschäftigten. Nicht Begeisterung für eine sozial-ökologische Zukunft Osnabrücks. Sondern die geopolitischen Interessen Katars, die mit denen Israels kollidieren.
Nach den Recherchen der NOZ verlangte Rafael anschließend den Einstieg Niedersachsens in das neue Gemeinschaftsunternehmen. So könnte der deutsche Staat dort einspringen, wo ein anderer Staatsaktionär aus seinen eigenen geopolitischen Gründen bremst.
Katar blockiert also zeitweilig israelische Rüstungsproduktion bei Volkswagen, weil es mit Israel politisch verfeindet ist; Deutschland bezieht gleichzeitig katarisches Gas; der Iran greift Katar an, weil es Aufmarschgebiet und Bereitstellungsraum des US-Überfalls ist; und Niedersachsen soll nun den Einstieg bei Rafael ermöglichen.
Mehr Weltpolitik bekommt mensch kaum in eine einzige Werkhalle.
Wer in dieser Konstellation noch glaubt, Rüstungsproduktion sei eine normale betriebswirtschaftliche Entscheidung zur »Standortsicherung«, besitzt ein beneidenswert einfaches Weltbild.
Hauptsache Arbeit
Für die Beschäftigten ist die Lage komplexer.
Wer um seine Arbeit fürchtet, denkt nicht zuerst in Kategorien imperialistischer Konkurrenz oder fiskalischer Multiplikatoren. Ein Arbeitsplatzverlust bedroht Einkommen, Wohnung, Kredite, Familie und Lebensplanung. Genau daraus entsteht die materielle Erpressbarkeit, auf der die scheinbar pragmatische Formel »Hauptsache Arbeit« beruht. Aber Erklärung ist keine politische Rechtfertigung.
Denn wenn jede einzelne Belegschaft aus nachvollziehbarer Angst verlangt, dass der eigene Betrieb möglichst viele Rüstungsaufträge erhält, entsteht in der Summe jene Dynamik, die Eckart Hildebrandt schon in den achtziger Jahren als »Rüstungslobbyismus von unten« beschrieben hat. Was im einzelnen Werk als Beschäftigungssicherung erscheint, erzeugt gesamtgesellschaftlich Druck auf höhere Rüstungsausgaben, mehr Beschaffung und mehr Waffenexport. Die IG Metall erkannte dieses Problem damals und verlangte die Erhaltung ziviler Produktionskapazitäten sowie die schrittweise Umstellung militärischer auf zivile Produktion.Heute läuft die Bewegung rückwärts. Niemand – außer dem kleinen Häuflein der Aktivisten des antimilitaristischen Aktionsnetzwerks ´Zukunftswerk Osnabrück´stellt noch die Frage, warum bis zu 200 Millionen Euro öffentliche Mittel mobilisiert werden können, sobald Rafael Raketensysteme herstellen möchte – während die Entwicklung einer nachweislich machbaren zivilen Perspektive für denselben Industriebetrieb über Jahre und bis heute als unlösbares Problem und naiv diskriminiert wird?Dass Beschäftigte unter dem Druck drohender Arbeitslosigkeit dafür empfänglich sind, ist nachvollziehbar. Dass ihre Gewerkschaft diesen Druck in die Logik der Aufrüstung übersetzt, ist es nicht.
Die Friedensstadt zeigt ihr Gesicht
Osnabrück nennt sich Friedensstadt. Das verpflichtet 378 Jahre nach dem Westfälischen Frieden niemanden zum Pazifismus. Ein wenig Rücksicht auf die eigene Reklame wäre trotzdem nicht verkehrt.
Denn nun soll ausgerechnet hier eine zivile Fabrik mit öffentlichem Geld zur Rüstungsproduktion hochgerüstet werden, während nebenan ein neues Wohnviertel entsteht. VW-Konzernleitung, SPD-Ministerpräsident Lies und CDU-Oberbürgermeisterin Pötter nennen das gemeinsam die Verbindung von »wirtschaftlicher Stärke, moderner Stadtentwicklung und einem guten Miteinander«. Präziser lässt sich Doppeldenk kaum formulieren: Die Stärke liefert die Kriegsproduktion, die moderne Stadt baut Wohnungen daneben, und das gute Miteinander beginnt mit dem vertraglichen Verzicht auf Beschwerden wegen Lärmbelästigung.
Dass Rüstungsbetriebe im Krieg zu militärischen Zielen werden können, ist weder geheim noch theoretisch. Ukraine, Russland und der Golf liefern täglich Anschauungsunterricht. In Osnabrück diskutiert man derweil über Dezibel.
Die Kriegsfabrik heißt Zukunftssicherung. Die Militarisierung heißt Transformation. Die Abhängigkeit vom Rüstungshaushalt heißt Arbeitsplatzsicherheit. Und Kriegsvorbereitung heißt Frieden.
So bleibt Osnabrück Friedensstadt.
Der Frieden steht schließlich im Stadtmarketing.
Aber keine Sorge:
Etwas lauter könnte es werden.
17,18,19,20
Anmerkungen:
1 https://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/vw/artikel/an-rafael-wird-das-osnabruecker-vw-werk-fuer-1-euro-verkauft-50943669
2 https://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/vw/artikel/vw-klagt-gegen-osnabruecker-lokviertel-und-die-politik-gibt-nach-51029101
3 https://www.jungewelt.de/artikel/526828.militarisierung-aufr%C3%BCstung-als-bumerang.html
4 https://www.duden.de/rechtschreibung/Standort
5 https://taz.de/Was-bedeutet-denn-eigentlich-der-Begriff-Standort/!775954/
6 https://ihl-databases.icrc.org/en/customary-ihl/v1/rule8?utm_source=chatgpt.com
7 https://visitukraine.today/de/blog/8762/ukraine-launched-a-powerful-strike-on-a-factory-in-voronezh-russia-why-this-target-is-so-important
8 https://thedefender.media/en/2026/06/general-cherry-facility-strike/
9 https://www.reuters.com/world/zelenskiy-says-ukraine-officials-will-be-held-accountable-weapons-store-2026-07-11/?utm_source=chatgpt.com
10 https://www.n-tv.de/politik/US-Schuld-bestaetigt-Militaer-traf-Maedchenschule-wegen-veralteter-Daten-id30459861.html?utm_source=chatgpt.com
11https://trotzalledem.org/aktionstage-gegen-den-krieg-in-berlin-wedding/
12https://linksfraktion-kassel.de/henschelareal-muss-dem-stadtteil-dienen-nicht-der-ausweitung-des-ruestungsunternehmen-knds/
13 https://gewerkschaftsforum.de/zur-kritik-der-politischen-oekonomie-der-kriegsvorbereitung-sicherheit-organisieren-heisst-krieg-produzieren-nationale-verteidigungsindustriestrategie-und-die-suizidale-politische-oekonomie-des-imp/
14 https://gewerkschaftsforum.de/konversion-pervers/
15 https://www.airandspaceforces.com/us-air-operations-center-qatar-severely-damaged-iran/?utm_source=chatgpt.com
16 https://www.reuters.com/world/middle-east/vw-investor-qatar-complicates-plant-deal-talks-with-israeli-arms-maker-sources-2026-06-17/?utm_source=chatgpt.com
17 https://gewerkschaftsforum.de/der-kampf-um-eine-zivil-oekologische-perspektive-des-vw-werks-osnabrueck-paradebeispiel-fuer-die-politische-oekonomie-der-kriegsvorbereitung/
18 https://www.econstor.eu/bitstream/10419/83001/1/734609655.pdf
19 https://www.robinwood.de/blog/vw-standort-erste-studienergebnisse-vorgestellt
20 https://gewerkschaftsforum.de/was-immer-schon-zu-wenig-war/
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Der Autor:
Andreas Buderus ist Gewerkschaftsaktivist und Mitinitiator der gewerkschaftlichen Basisinitiative ´SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden´
Bild: volkswagen-newsroom.com
