Die Roma und ihr Weg der Gewaltfreiheit: Eine Gedenkveranstaltung in Norditalien

Von Marina Serina

Die Roma gehören zu den originellsten, interessantesten und friedliebendsten Völkern auf der Erde, und dennoch haben sie nie viele Sympathien genossen. Sebastijan Abdullahu aus der Ethnie der Romanì (also Roma slawischer Herkunft) erklärt mir, dass allen Roma in Europa – ob wir sie nun auf spanische Art Gitanes, auf italienische Art Sinti, französisch Manouches oder anders nennen wollen – etwas gemeinsam ist, nämlich dass sie überall verfolgt wurden und es in gewisser Weise immer noch sind.

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden sie in die Nürnberger Rassengesetze eingeschlossen und erlitten einen wahren Genozid. Üblicherweise schwebt über ihrem Fall eine Wolke des Schweigens, daher sind genaue Angaben der in den Konzentrationslagern getöteten Roma unsicher: Die Zahlen schwanken von „mindestens“ 500.000 bis zu zwei Millionen Menschen. Viele Roma-Kinder wurden von Josef Mengele für medizinische Experimente missbraucht. Er spritzte ihnen Erreger von Infektionskrankheiten wie Typhus, Malaria und anderen, manchmal auch alle zusammen.

Selten erlebt man Anlässe, die der Opfer gedenken; wenn davon in der Schule die Rede ist, ist das nur der Ehrlichkeit der Lehrkraft zu verdanken. Eine der seltenen Gedenkfeiern für diese Opfer fand am Sonntag, dem 31. Mai, im Kulturverein Circolo Arci Al Bafo im norditalienischen Seriate unweit von Bergamo statt.

Drei Schauspieler des Ensembles „Teatro Baloons“, Roberta Reali, Stefano Maestrelli und Sebastijan Abdullahu, ließen in einem der Vereinsräume die Erinnerung an jene Jahre in theatralischer Form aufleben. Die Aufführung fand im Halbschatten, manchmal im Dunkeln statt, erhellt nur durch ein paar Kerzen; die Bühne befand sich in der Mitte und das Publikum wurde gebeten, den Saal nicht zu verlassen, wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Die Darstellenden erklärten am Ende, dass sie – wenn auch nur zu einem kleinsten Teil – erfahrbar machen wollten, was es bedeutete, als Gefangene in einem Konzentrationslager zu leben und auf den Tod zu warten.

Aus ihren Erzählungen lerne ich eine einzigartige Geschichte kennen, die mir neu war: Leben und Karriere von Johann Trollmann, dem „Zigeuner“, der 1933 die deutsche Meisterschaft im Boxen für Halbschwergewichte gewann und so die Nazis gehörig gegen sich aufbrachte.

Die Geschichte würde sich als Filmsujet anbieten (ich wundere mich, dass sich noch kein Regisseur dessen angenommen hat, abgesehen von Alessandro Rak, der es 2025 für einen Zeichentrickfilm verwendete, mit dem er das Silberne Band als bester Kurzfilm gewann – er dauert 5 Minuten). Rukeli, Johanns Beiname, der auf Romanes „Baum“ bedeutet und den er wegen seiner stattlichen Statur und der schönen schwarzen Locken erhielt, wurde 1907 geboren; bereits mit acht Jahren trainierte er im Ring einer städtischen Turnhalle in Hannover und gewann schon als Jugendlicher die Süddeutsche Meisterschaft, kurz darauf auch die Norddeutsche. Aber die Regierung hielt es für unstatthaft, dass ein „Zigeuner“, wie ihn die Presse verächtlich nannte, Deutschland bei der Olympiade 1928 in Amsterdam vertreten würde, und so wurde er ausgeschlossen. Rukeli gab nicht auf, im Gegenteil, er ließ sich den Spitznamen „Zigeuner“ auf die Shorts sticken und gewann weiter. 1933, dem Jahr von Hitlers Machtergreifung, errang er den nationalen Meistertitel, aber nur für wenige Tage, denn der Sportverband erkannte ihm unter Ausflüchten den Titel ab und zwang ihn zu einem zweiten Finale, das er verlieren sollte. 1934 wurde ihm die professionelle Boxlizenz aberkannt, 1935 wurde er zwangssterilisiert, was er wegen der Bedrohung seiner Frau und seiner Tochter zuließ. Mit der Verabschiedung der Rassengesetze wurde die Verfolgung noch schlimmer, so dass er sich 1938 scheiden ließ, damit seine Frau ihren Nachnamen ändern und der Deportation entgehen konnte. Bei Kriegsbeginn wurde er – makabre Ironie – in die deutsche Wehrmacht eingezogen, um die Heimat zu verteidigen! 1941 wurde er in Neuengamme inhaftiert, wo er als Zigeuner zum Verspotten ausgenutzt wurde. Unterernährt und erschöpft nach infamer Zwangsarbeit musste er am Abend zum Vergnügen der SS kämpfen. In Neuengamme wurde er mit einem anderen Häftling verwechselt, für tot erklärt und in ein anderes KZ verlegt, wo er von einem Kapo erneut zum Kampf gezwungen wurde. Er gewann im Ring, aber der Verlierer ermordete ihn kurz darauf. Es war das Jahr 1944.

Sebastijan erzählt mit entwaffnender Schlichtheit, dass sein Volk vor über tausend Jahren den Norden Indiens verließ, weil es den Krieg ablehnte, der in jener Zeit die Region erschütterte. In ihrer Sprache gibt es das Wort „Krieg“ nicht, und sie haben nicht einmal Raum für die Vorstellung, dass ein Land, ein Gebiet, erobert und besessen werden kann. Ich überlege: Sie verließen ihre Heimat, um ihrem Credo treu zu bleiben, aber wo auch immer sie hinkamen, trafen sie auf Menschen, die ihnen zwar äußerlich ähnelten, sich aber dem Besitztum und der Herrschaft verschrieben hatten, die an das Gesetz des Stärkeren glaubten und sie vielleicht gerade deshalb mit Misstrauen betrachteten, sie verachteten und verfolgten. Sebastijan schließt mit dem Verweis auf Ahimsa, den Weg der Gewaltlosigkeit. Dieser indische Begriff, den viele von uns durch das Yoga oder Gandhi kennen, ist seit Jahrhunderten in der Kultur der Roma präsent. Soweit die Erinnerung zurückreicht, praktizieren sie eine einfache Regel: „Leben und leben lassen“.

Die Roma lehnen Krieg ab und verachten den Begriff des Privatbesitzes. Ist das vielleicht ihre Schuld, die Schande, die dazu führt, dass sie überall auf der Welt so verhasst sind und mit Misstrauen betrachtet werden? Und wenn sie dagegen die wahren Systemkritiker im heutigen Sinne wären? Sie haben nur einmal rebelliert, in Auschwitz-Birkenau am 16. Mai 1944, als rund 6.000 Roma und Sinti, darunter viele aus Italien und viele Frauen mit Kindern, sich verbarrikadierten, bewaffnet mit Steinen, Messern und Arbeitsgerät. Es gelang ihnen, die SS zum Rückzug zu zwingen. Wie die Geschichte von Johann-Rukeli ist dies ein weiterer Beweis dafür, dass die Entscheidung, friedlich zu leben, nichts mit der körperlichen Kraft eines Volks zu tun hat und noch weniger mit einer angeblichen Minderwertigkeit!

Ich frage mich, wer das Leben aus der falschen Perspektive betrachtet. Wir, die wir mit raffinierten Technologien Häuser und Staaten einzäunen und sie mit immer stärkerer Besessenheit schützen wollen, oder sie? Sebastijan definiert sie als „wehrlos wie Blumen“. Wie Blumen werden die Roma häufig übersehen, mit Füßen getreten oder mit Gewalt ausgerissen, aber sie finden immer wieder ein bisschen Erde, wo sie wieder Blüten treiben und jener Menschheit, die sich selbst vergisst, ein bisschen Schönheit schenken können. „Roma” bedeutet „Mensch“.

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 Die Autorin:

Marina Serina ist italienische Autorin, Journalistin und Yoga-Spezialistin. Sie wurde in Mailand geboren, ihre Familie stammt jedoch aus dem Raum Crema. In den 1990er-Jahren studierte sie Philosophie an der Staatlichen Universität Mailand in Via Festa del Perdono. Sie verbrachte acht Jahre zwischen Italien und den Vereinigten Staaten.

 

 

 

 

 

 

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Bild: Marina Serina