Fast 80 Jahre lang werden die Reparations- und Rückzahlungen an Griechenland ausgesessen – Der Deutsche Bundestag und auch Kanzler Scholz halten die Frage der Entschädigung für erledigt und lehnen die Anerkennung der Forderungen rigoros ab

Vor 80 Jahren überfiel die deutsche Wehrmacht Griechenland und besetzte das Land. Was folgte waren Massaker, Rachefeldzüge gegen die Bevölkerung und Zerstörung ihrer Dörfer. Das Land wurde in den 3 ½ Jahren so geknebelt, dass bis zu 450.000 Menschen landesweit elendig verhungerten. Hunderttausende griechischer Juden wurden deportiert und ermordet.

Die griechische Zentralbank musste 1942 eine Zwangsanleihe von sage und schreibe 476 Millionen Reichsmark zur Finanzierung der Besatzung an Nazi-Deutschland ausgeben. Bis heute sieht die Bundesregierung „für die Rückzahlung keine Grundlage“.

Athen fordert seit Jahrzehnten einen Ausgleich für die Verwüstungen, die die deutsche Besatzungsmacht in Griechenland anrichtete und für die Morde und die Massaker, die Deutsche damals begingen. Berlin verweigert dies unter Zuhilfenahme allerlei trickreicher Begründungen und wird dabei von deutschen Gerichten stets systematisch unterstützt

Schon 1989, als die internationale Stundung der deutschen Schulden beendet war, hatte Deutschland ohne jegliche Kommunikation mit den Gläubigerstaaten seine Rückzahlungsverpflichtung nicht übernommen.

Der Deutsche Bundestag am 25. März 2021 die Frage der Entschädigung für erledigt erklärt und die Anerkennung der Forderungen Griechenlands kategorisch abgelehnt.

Kanzler Scholz bestätigte Ende Oktober 2022 bei einem Besuch in Athen nochmals Berlins Weigerung, Reparationen und Entschädigungen für NS-Massenverbrechen zu zahlen.

Das brutale und mörderische Besatzungsregime der deutschen Wehrmacht wütet in Griechenland

Im Frühjahr 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht in Griechenland ein, um das Land binnen weniger Wochen zu besetzten. Sie führte bis 1944 ein brutales Besatzungsregime durch, unter dem hundert Tausende Menschen starben. Schon zu Anfang wurden Kommandos zur „Beuteerfassung“ in Griechenland gebildet. Mit vorbereiteten Listen beschlagnahmten sie alles, was für die deutsche Wirtschaft und Truppenversorgung wichtig war. Das Land wurde systematisch von den Nazis und deutschen Konzernen ausgeplündert, ihm wurden immense Besatzungskosten, inklusive teure Zwangsanleihen, auferlegt. Für die Bevölkerung entwickelte sich die Besatzung schnell zu einer riesigen Katastrophe.

Der Hunger forderte zwischen 125.000 und 140.000 Tote, allein in den Groß- und Mittelstädten.

Die gezielten Grausamkeiten förderten dann den immer schlagkräftiger werdenden Widerstand. Als Reaktion darauf und zur Abschreckung führten die Nazis grausame Massaker durch, denen mehr als 10.000 Menschen zum Opfer fielen. Dabei wurden unter anderem mehr als 1.600 griechische Dörfer mit über 100.000 Häusern zerstört. Nicht zu vergessen sind die 59.000 griechischen Juden, die allein in den Gaskammern von Auschwitz und Treblinka getötet wurden. Das damals 6,9 Millionen Einwohner zählende Land hatte am Ende der Besatzung den Tod von 4,8 Prozent seiner Bevölkerung zu beklagen.

Bei der Reparationskonferenz von Paris 1945/46 hat Griechenland – wie auch das frühere Jugoslawien – nur eine Nebenrolle gespielt. In dem Abkommen mit Griechenland wurde dem geschundenen Land völkerrechtlich verbindlich 7,181 Milliarden US-Dollar (Preisstand 1938) zugesprochen.

Nach Berechnungen von Karl-Heinz Roth und Hartmut Rübner haben die Deutschen bei ihren Opfern den gigantischen Gesamtschaden von mehr als 5,8 Billionen Euro (in Preisen von 2016) angerichtet.

Die vor kurzem veröffentlichten Zahlen der Gruppe Himmlische Vier.de ergeben: „Im Jahr 1945/46 betrug der festgelegte Schaden durch die Inter-Allierten-Reparationskonferenz in Paris 7.100.000.000. (7.1 Mrd) US-Dollar– bei einem Vergleichswert von heute: Mindestens 90.000.000.000 (90 Mrd) Euro nach Abzug der bislang geleisteten Zahlungen und Hochrechnung auf heutigem Preisstand“.

Bilanz der deutschen Besatzung in Griechenland (Anfang April 1941 bis Oktober 1944):
  • Verslust von Menschenleben: Von den damals 6,9 Millionen Einwohnern wurden über 300.000 getötet (mindestens 125.000 sind verhungert, ca. 100.000 wurden in deutschen KZ umgebracht, über 60.000 Juden und Roma ermordet)…
  • Zerstörungen: 1.600 Ortschaften zerstört, über 100.000 Häuser nieder gebrannt, Zerstörung von ¾ der Handelsflotte, Vernichtung der Hafenanlagen, Sprengung des Kanals von Korinth, der meisten Straßen- und Eisenbahnbrücken und erheblicher Teile des Schienennetzes…
  • Plünderung von Rohstoffen: 126.000 Tonnen Chromerz, 91.000 Tonnen Bauxit, 71.000 Tonnen Nickel, 14.300 Tonnen Magnesit, 44.000 Tonnen Schwefelkies, 71 Tonnen Molydänkonzentrat, 30.000 Tonnen Tabak… Die Räuber, bzw. ihre Rechtsnachfolger haben Namen und Adresse: z.B. Reemtsma und Brinkmann (Bremen), z.B. ThyssenKrupp, z.B. Siemens, verschiedene Baukonzerne, Bundesverband der Industrie…
  • Zwangeskredite in Höhe von 476 Millionen Reichsmark zur Bezahlung der Besatzungskosten durch das griechische Volk… die Räuber bzw. ihre Rechtsnachfolger haben Namen und Adresse: z.B. Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank…“

Das griechische Parlament hat die Schadenssumme vor einigen Jahren auf mehr als 288 Milliarden Euro beziffert. Dazu kommen elf Milliarden Euro aus einer Zwangsanleihe, die von den NS-Besatzern zwar kassiert, aber niemals zurückgezahlt wurde. Es kursieren Schätzungen, die Entschädigungen für die zahllosen griechischen Opfer von NS-Massakern einbeziehen – sie liegen bei über 420 Milliarden Euro.

Ein Beispiel: Massaker im griechischen Dorf Distomo und der Rechtsweg

Eines der schrecklichsten Massaker fand im griechischen Dorf Distomo statt. Am 10. Juni 1944 ermordeten deutsche SS-Soldaten rund 300 Toten Einwohner der boötischen Kleinstadt. Wie im Blutrausch fanden unvorstellbare Gräueltaten statt: die Einwohner, egal ob Männer, Frauen oder Kinder, wurden wahllos erschossen, Frauen vergewaltigt, vielen die Brüste abgeschnitten und Schwangeren die Bäuche aufgeschlitzt. Einigen Dorfbewohnern wurden die Köpfe abgetrennt oder die Augen ausgestochen. Das Ganze sollte eine Strafaktion für die Erschießung von drei deutschen Soldaten durch Partisanen sein.

Deutschland wurde 1997 vom Landgericht Livadia verurteilt, 37,5 Millionen Euro an die Hinterbliebenen der getöteten Dorfbewohner zu zahlen. Deutschland ging in Revision, der Revisionsantrag wurde vom höchsten griechischen Gericht, dem Areopag, aber verworfen.

Die Bundesregierung setzte dann die griechische Regierung unter Druck, mit dem Erfolg, dass die Vollstreckung des Urteils verhindert wurde. Daraufhin wurde das höchste italienische Zivilgericht angerufen und das entschied im Jahre 2008, dass die Überlebenden des Massakers von Distomo die in Griechenland gesprochenen Urteile an deutschem Besitz in Italien vollstrecken lassen können.

In Deutschland selbst wurde eine Zivilklage der Überlebenden von Distomo  reihenweise vom Landgericht Bonn, dem Oberlandesgericht Köln, dem Bundesgerichtshof und dem Bundesverfassungsgericht abgewiesen.

Anfang des Jahres 2012 gab dann schließlich der Internationale Gerichtshof in Den Haag dem Begehren Deutschlands statt, Klagen von Privatpersonen gegen Staaten grundsätzlich nicht zuzulassen.

Die Deutschen, ein unschuldiges und beneidenswertes Volk

Bis heute sieht die Bundesregierung „für eine Zahlung keine Grundlage“. Schon 1989, als die internationale Stundung der deutschen Schulden beendet war, stellte sie sich stur und nahm keinerlei Kommunikation mit den Gläubigerstaaten auf.

Nach 8 Jahrzehnten des Überfalls auf Griechenland hat der deutsche Bundestag am 25. März 2021 die Frage der Entschädigung für erledigt erklärt und die Anerkennung der Forderungen Griechenlands kategorisch abgelehnt.

Ende Juli 2022, legte die Bundesaußenministerin Baerbock bei ihrem Griechenlandbesuch in der griechischen Holocaust-Gedenkstätte einen weißen Blumenstrauß auf einen Marmorstein und sagte der griechischen Presse zum Thema Reparationsforderungen: „Zu einer guten Freundschaft gehört, dass man nicht bei allen Punkten einer Meinung ist. Die Bundesregierung ist nicht zu einer neuen Rechtsauffassung gekommen“ und blickt lieber nach vorn als zurück: „Es kommt darauf an, aus der gemeinsamen Geschichte – bei der wir Deutsche eine schwere Schuld tragen – eine gemeinsame Zukunft zu bauen.“

Nun erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei seinem Besuch in Athen  am 27.10.2022: „Die Reparationsfrage ist abgeschlossen“.

Obwohl Griechenland immer erkennen ließ, seinen Rechtsstandpunkt nicht aufzugeben und seine Forderung gegen Deutschland auch vollstrecken könnte, kann es als David gegen Goliath ohne eine weitergehende Unterstützung anderer einflussreicher Staaten die Diskussion über die Reparaturzahlungen gar nicht wieder aufgreifen.

Griechenland hält aber nach wie vor an seinen Ansprüchen auf Reparationen und Entschädigung für die NS-Zerstörungen und -Massenverbrechen im Zweiten Weltkrieg fest. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis anlässlich von Gesprächen mit Bundeskanzler Olaf Scholz in der griechischen Hauptstadt ausdrücklich fest: „Die Reparationsfrage bleibt offen“.

Die Deutschen scheinen ein unschuldiges und beneidenswertes Volk zu sein, das das Eingeständnis seiner geschichtlichen Schuld geflissentlich übergehen und die Begleichung seiner Schulden aussitzen kann.

 

 

 

 

 

Quellen: Ossietzy 7/2017, Karl-Heinz Roth/Hartmut Rübner: “Reparationsschuld“, Mark Mazower,: „Griechenland unter Hitler“, Himmlische Vier.de, TAZ, Nikos Kotzias, destatis, Giorgos Chondros, Axel Troost, WAZ  

Bildbearbeitung: L.N.