Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Inge Bultschnieder und der Elefant im Raum!

Von Dieter Wegner

Am 28.2.2024 wurde Inge Bultschnieder im Festsaal des Rathauses in Wiedenbrück das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Die beiden Festredner haben sich größte Mühe gegeben, den Namen Tönnies nicht in den Mund zu nehmen! Das Kunststück ist dem Landrat des Kreises Gütersloh Sven-Georg Adenauer (CDU) und dem Bürgermeister von Rheda-Wiedenbrück Theo Mettenborg (CDU) gelungen. (Nebenbei: Sven-Georg Adenauer ist der Enkel Konrad Adenauers, des ersten Bundeskanzlers der BRD).

Das ging, indem sie die menschliche und soziale Seite von Inge Bultschnieder ausführlich beschrieben aber nicht ihr starkes Gefühl für Recht und Unrecht in dieser Gesellschaft. Auf so ein Unrecht stieß sie, als sie 2012 im Krankenhaus lag, als Bettnachbarin der Bulgarin Katya A., einer Werksvertragsarbeiterin bei Tönnies, leidend und niedergeschlagen. Durch ihre freundliche Zuwendung brachte sie sie zum Reden. So erfuhr sie von den Arbeits- und Wohnbedingungen der WerksvertragsarbeiterInnen im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück.

Inge Bultschnieder, Bäckerin mit einem Stand auf dem Wochenmarkt, nahm Katya, einige Monate später, nach einem Zusammenbruch im Werk Tönnies bei sich im Hause auf.
Mit der Schilderung dieser wichtigen Episode im Leben der Preisträgerin, der Begegnung mit Katya im Krankenhaus, begann Landrat Adenauer seine Festrede. Mit der Absicht, das Menschliche bei ihr hervorzuheben und darauf zu reduzieren, alles um nicht auf Tönnies zu kommen.

Inge Bultschnieder ist nicht nur menschlich, solidarisch und hat ein Empfinden für Recht und Unrecht sondern sie ist auch eine Frau der Tat. Sie tat sich mit Gleichgesinnten zusammen und gründete die IG Werkfairträge. Es war eine Initiative gegen die Zustände beim Großkonzern Tönnies, die Arbeits- und Wohnverhältnisse der WerksvertragsarbeiterInnen, die von den Sub-, Sub-, Subunternehmern und dem Tönnies-Konzern überausgebeutet wurden. Ein Opfer dieser Zustände war eben Katya, die zur Freundin Inge Bultschnieders wurde und heute als Altenpflegerin arbeitet. Sie war Ehrengast bei der Preisverleihung.
Nach dem Festakt spendierte der Bürgermeister Häppchen, Sekt und Saft. Die Häppchen waren zum großen Teil mit diversen Wurstsorten belegt. Das stieß den Ehrengästen auf, die fragten, ob die Wurst wohl von Tönnies kommt? Es blieben viele Häppchen übrig, da konnnten sich die Rathausangestellten sicher  dran laben…
Bei den Plaudereien der etwa 30 Ehrengäste waren sich alle anerkennend einig über die Kunst von Landrat und Bürgermeister, den Elefanten im Raum, den Verursacher der Leiden der WerkvertragsarbeiterInnen nicht zu benennen.
Auch bemerkten sie, daß sich beide einer Pflichtaufgabe unterziehen mußten, sie konnten die Ordensverleihung nicht an einen Verwaltungsangestellten delegieren, was sie vielleicht gern gemacht hätten. Waren sie doch all die Jahre auf Seiten von Tönnies tätig gewesen und nicht auf Seiten der IG Werkfairträge!
Desselben Kunststückes der Wortvermeidung befleißigte sich die örtliche Presse, Die Glocke, die am 29.2. auf der ersten Seite einen Artikel brachte, auch ohne Nennung des Namen Tönnies.

Anders der Bericht im WDR am Mittwochabend, der mit der Gründung der IG Werkfairträge beginnt, in dem Inge Bultschnieder schildert, daß sie damals schnell die skandalösen Zustände bei Tönnies öffentlich machen mußte, andernfalls hätte sie sich ihres Lebens und ihrer Gesundheit nicht sicher gefühlt. https://www1.wdr.de/mediathek/bundesverdienstkreuz-fuer-kampf-gegen-werksvertraege-100.html

Das zeigt, daß Inge Bultschnieder nicht nur eine empathische und solidarische sondern auch eine kluge und die Lage realistisch einschätzende Frau ist.

Tönnies ist ein mächtiger Mann in Rheda-Wiedenbrück, ihm gehören nicht nur viele Grundstücke im Ort sondern er bespendet auch großzügig Vereine und andere Einrichtungen. Das schafft Stimmung und Einfluß. Bäckerin Bultschnieder mit den Aktiven von IG Werkfairträge, hält bei dieser Stimmung und bei diesem Klima dagegen. Es sind alles Ehrenamtliche, die Zeit, Energie und ihr Geld einsetzen, weil sie den Betroffenen und Leidenden des Systems helfen wollen.

Ich kenne die Liste der Träger des Bundesverdienstkreuzes nicht, aber es dürften etliche Politiker dabei sein, die in den letzten Jahrzehnten für die Ausbreitung, Förderung und Beibehaltung des Werkvertragssystems gesorgt haben.
Das Werkvertragsunwesen und IG Werkfairträge stehen sich antagonistisch gegenüber. Es macht den Charakter dieser Demokratie aus, daß die Protagonisten dieses Gegensatzes mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden. Und es macht auch den Charakter dieser Demokratie aus, daß Bundespräsident Steinmeier (SPD) diesen Orden verleiht, während Arbeitsminister Gabriel (SPD) der als Gast bei Inge Bultschnieder am Küchentisch saß und von dieser über die Zustände bei Tönnies aufgeklärt wurde, davon sehr beeindruckt war und anschließend zu Clemens Tönnies eilte, um dann den Fleischkonzern öffentlich zu loben als modern und vorbildlich.

Das Ganze fällt wohl unter marktkonforme Demokratie, wie Ex-Kanzlerin Merkel es nannte.
Ausführlich erwähnten Landrat und Bürgermeister, daß es ab 1.1.2021 ein Gesetz gibt, das Werksverträge und Subunternehmer bei Fleischkonzernen verbieten. Daß die Arbeits- und Wohnverhältnisse der ehemaligen WerkvertragsarbeiterInnen weiterhin kritisierenswert sind, erwähnten sie natürlich nicht. Aber für Inge Bultschnieder mit den Aktiven der IG Werkfairträge und dem Bündnis gegen das System Tönnies, das seit 2019 besteht, ist die Welt nicht in Ordnung. Sie sehen die mangelhafte und langsame Umsetzung des Gesetzes. Frühere Subunternehmer sind in Großschlachtereien angestellt, zB als Vorarbeiter. Sie beschaffen oft die Arbeitskräfte aus den osteuropäischen Ländern, besorgen oft Wohnraum in den Arbeitsorten, „helfen“ bei Behördengängen.
Es gibt durch das neue Gesetz zwar graduelle Verbesserungen für die ehemaligen WerkvertragsarbeiterInnen wie die direkte Anstellung beim Fleischkonzern und nicht mehr beim Subunternehmer.
Aber was ist mit den WerkvertragsarbeiterInnen in Branchen bei Bau, Logistik, Paketdiensten und anderen Branchen!?

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Bundesverdienstkreuz für den Kampf gegen Werkverträge in der Fleischbranche
Video 4 Minuten. Abrufbar bis 28.2.2026
https://www1.wdr.de/mediathek/bundesverdienstkreuz-fuer-kampf-gegen-werksvertraege-100.html

Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg hat zum „System Tönnies“ zwei Bücher herausgegeben (bei Buchmacherei Berlin)
Das System Tönnies. Organisierte Kriminalität und moderne Sklaverei
https://diebuchmacherei.de/produkt/das-schweinesystem/

Ist das System Tönnies passé?
https://diebuchmacherei.de/produkt/ist-das-system-toennies-passe/

Wir haben in den letzten Jahren im Jour Fixe Info häufig über das „System Tönnies“ berichtet, hier eine kleine Auswahl:
Clemens Tönnies ist nicht nur ein Rassist sondern das System Tönnies ist Menschenschinderei!
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/08/05/clemens-toennies-ist-nicht-nur-ein-rassist-sondern-das-system-toennies-ist-menschenschinderei/

Großschlachter Tönnies gegen Jour Fixe und andere Kritiker seiner Ausbeutungsmethoden
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/05/26/grossschlachter-toennies-gegen-jour-fixe-und-andere-kritiker-seiner-ausbeutungsmethoden-spendenaufruf/

Super-Profite und Super-Ausbeutung in der deutschen Fleischindustrie – Das Beispiel Tönnies
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/05/21/profite-und-ausbeutung-in-der-deutschen-fleischindustrie-toennies/

Großschlachterei Tönnies – menschenverachtende Ausbeutung auf die Spitze getrieben
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/04/19/grossschlachterei-toennies-das-system-der-werksvertraege/

Protest gegen Groß-Schlachterei Tönnies, Subunternehmer und Vermieter Dethlefsen
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2018/06/14/protest-gegen-gross-schlachterei-toenniessubunternehmer-und-vermieter-dethlefsen/

Corona in deutschen Schlachthöfen! Zustände jetzt plötzlich ein Skandal! Und in den letzten Jahrzehnten war alles in Ordnung??
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2020/05/23/corona-in-deutschen-schlachthoefen-zustaende-jetzt-ploetzlich-ein-skandal-und-in-den-letzten-jahrzehnten-war-alles-in-ordnung/

Warum im Kreis Steinburg schon wieder ein fähiger und beliebter Landrat abgewählt werden soll!
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2021/04/02/warum-im-kreis-steinburg-schon-wieder-ein-faehiger-und-beliebter-landrat-abgewaehlt-werden-soll/

 

 

 

 

 

 

Der Beitrag erschien auf https://gewerkschaftslinke.hamburg und wird mit freundlicher Genehmigung des Autor hier gespiegelt.
Bild: Jour Fixe – Gewerkschaftlinke Hamburg.