DGB-Analyse: Tarifflucht ist für die Allgemeinheit teuer

Weniger Steuereinnahmen, weniger Zahlungen in die Sozialversicherung, weniger Kaufkraft: Durch Tarifflucht und Lohndumping entgehen Deutschland jedes Jahr Einnahmen in Milliardenhöhe. Im Vergleich zur letzten Auswertung für das Jahr 2014 sind die allgemeinen Kosten der Tarifflucht um insgesamt 15 Milliarden gestiegen.

Durch Tarifflucht und Lohndumping entgehen den Sozialversicherungen in Deutschland jährlich rund 30 Milliarden Euro an Beiträgen. Bund, Länder und Kommunen nehmen aus demselben Grund circa 18 Milliarden Euro weniger Einkommensteuer ein. Die mangelnde Tarifbindung wirkt sich darüber hinaus unmittelbar auf die Kaufkraft der Beschäftigten aus: Insgesamt rund 42 Milliarden Euro mehr hätten die Beschäftigten pro Jahr im Portemonnaie, wenn es eine flächendeckende Tarifbindung geben würde. Im Vergleich zur letzten Auswertung für das Jahr 2014 sind die allgemeinen Kosten der Tarifflucht um insgesamt 15 Milliarden Euro gestiegen.

Die Zahlen stammen aus einer Sonderauswertung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Den Berechnungen liegt die letzte Verdienststrukturerhebung (VSE) nach Beschäftigten mit und ohne Tarifbindung des Statistischen Bundesamts zugrunde.

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Kosten der Tarifflucht
Gesamtdeutschland
Auswertung 2019 Auswertung 2021 Differenz
Mindereinnahmen der Sozialversicherungen 24,8 Milliarden Euro 29,8 Milliarden Euro  +5 Milliarden Euro
Mindereinnahmen Verlust bei der Einkommensteuer für Bund, Land und Kommunen insgesamt 14,9 Milliarden Euro 18,1 Milliarden Euro  +3,2 Milliarden Euro
Kaufkraftgewinn, wenn Beschäftigte tarifgebunden wären 35,1 Milliarden Euro 41,6 Milliarden Euro  +6,5 Milliarden Euro
Ostdeutschland (inkl. Berlin)
Auswertung 2019 Auswertung 2021 Differenz
Mindereinnahmen der Sozialversicherungen 10,7 Milliarden Euro 10,3 Milliarden Euro  -400 Millionen Euro
Mindereinnahmen Verlust bei der Einkommensteuer für Bund, Land und Kommunen insgesamt 6,5 Milliarden Euro 6,2 Milliarden Euro  -300 Millionen Euro
Kaufkraftgewinn, wenn Beschäftigte tarifgebunden wären 15,1 Milliarden Euro 14,5 Milliarden Euro  -600 Millionen Euro
Westdeutschland
Auswertung 2019 Auswertung 2021 Differenz
Mindereinnahmen der Sozialversicherungen 14,1 Milliarden Euro 19,5 Milliarden Euro  +5,4 Milliarden Euro
Mindereinnahmen Verlust bei der Einkommensteuer für Bund, Land und Kommunen insgesamt 8,5 Milliarden Euro 11,9 Milliarden Euro  +3,4 Milliarden Euro
Kaufkraftgewinn, wenn Beschäftigte tarifgebunden wären 20 Milliarden Euro 27,2 Milliarden Euro  +7,2 Milliarden Euro

 

Tarifflucht und Lohndumping verursachen einen enormen finanziellen Schaden in Deutschland. Wie sieht es in den einzelnen Bundesländern aus? Wir haben nachgerechnet und die Zahlen zusammengestellt. Im Vergleich zur letzten Auswertung für das Jahr 2014 sind die allgemeinen Kosten der Tarifflucht um insgesamt 15 Milliarden gestiegen.

Tarifflucht kostet die Allgemeinheit Milliarden

„Die grassierende Tarifflucht kostet die Allgemeinheit Milliarden. Dieses Geld fehlt für den sozialen Ausgleich und für dringend notwendige Investitionen in die Infrastruktur und in Bildung. Die Tarifbindung zu stärken gehört zu den dringenden Aufgaben der nächsten Bundesregierung, die dafür verschiedene Instrumente zügig auf den Weg bringen muss. Wir brauchen ein Bundestariftreuegesetz, damit öffentliche Aufträge und Fördergelder nur noch an tarifgebundene Unternehmen gehen. Bei einem öffentlichen Auftragsvolumen von schätzungsweise bis zu 500 Milliarden Euro jährlich, wäre eine zwingende Tariftreueregelung enormer Anreiz für Unternehmen, sich an Tarifverträge zu binden.

Zudem müssen die Mitgliedschaften in Arbeitgeberverbänden „ohne Tarifbindung“ zurückgedrängt werden. Im Falle einer Aufspaltung oder Abspaltung eines Unternehmens sollten Tarifverträge qua Gesetz fortgelten müssen, bis die Sozialpartner eine neue tarifliche Regelung vereinbart haben. Zudem muss es leichter werden, Tarifverträge für alle Unternehmen einer Branche allgemeinverbindlich zu erklären.“

Der Staat darf nicht weiterhin mit Steuergeldern Lohndrückerei alimentieren. Er muss die Vergabe seiner öffentlichen Aufträge endlich an gute Bezahlung und somit an die Bezahlung nach Tarif knüpfen.“

Unternehmen müssen sich sozialer Verantwortung stellen

Für immer weniger Beschäftigte und Betriebe gilt in Deutschland ein Tarifvertrag. Im Jahr 2020 waren nur noch 53 Prozent der Beschäftigten im Westen und 43 Prozent im Osten tarifgebunden (WSI-Tarifarchiv). Betrachtet man die Mindereinnahmen für die Sozialversicherungen nach Ost und West sind das für Ostdeutschland (inklusive Berlin) 10,3 Milliarden Euro und für Westdeutschland 19,5 Milliarden Euro. Das entspricht einem Verlust an Einkommensteuereinnahmen für Ostdeutschland in Höhe von 6,2 Milliarden Euro und für Westdeutschland von sogar 11,9 Milliarden Euro. „Angesichts dessen müssen sich die Unternehmen die unbequeme Frage nach ihrer sozialen Verantwortung gefallen lassen, gerade weil wir vor großen Umwälzungen stehen“, betonte Körzell. Es sei „skandalös, dass durch Tarifflucht das Geld zum Teil in die Taschen von Aktionären fließt, und nicht in die Geldbeutel derer, die es erwirtschaftet haben.“

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: https://www.dgb.de/

Bild: Kathrin Biegner, DGB